Dienstag, 25. November 2014

Leistungsschutz(un)recht für Presseverleger

Verkaufte Auflage von "Bild" und "Bild am Sonntag"
Den Medien geht es, wie einem Großteil der deutschen Bevölkerung, wirtschaftlich immer schlechter. Etwa 5 Monate vor der Bundestagswahl 2009, im April, haben sich (laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion der Linken) unter anderem deshalb Dietrich von Klaeden  (Axel-Springer-AG / Leitung von Regierungsbeziehungen) und Christoph Keese ("Aussenminister" des Axel-Springer-Konzerns) mit Bernd Neumann (CDU - Kultur-Staatsminister getroffen um auf die Politik Druck für ein neues Leistungsschutzrecht für Presseverleger zu machen. Dieses wurde schließlich nach der Bundestagswahl von der Schwarzgeldregierung 2009 im Koalitionsvertrag aufgenommen.
Hilfreich dabei war sicher auch dass der "Staatsminister bei der Bundeskanzlerin" Angela Merkel mit beratender und unterstützender Funktion den ausserordentlich wohlklingenden Namen Eckart von Klaeden (Bruder von Dietrich von Klaeden) hat (Eckart von Klaeden war wiederum Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz im Juni 2008 in Chantilly im US-Bundesstaat Vigrinia). Dietrich war überdies von 2011 bis 2013 Mitglied der Mövenpickpartei-Kommission für Internet und Medien.
Ein Grund, der für die Forderung nach einem neuen Gesetz angeführt wird, ist dass Suchmaschinen wie Google immer bessere Suchergebnisse liefern so dass Besuche auf Angeboten der Verlage überflüssig werden könnten. Man spricht daher auch von einer "Lex Google".
Am 5. Mai 2012 wurde von der Schwarzgeldregierungskoalition beschlossen ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger im Rahmen des Dritten Korbs der Reform des Urheberrechts einzuführen. Am 14. Juni 2012 wurde bekannt dass ein Gesetzentwurf des Bundesministeriums der Justiz unter Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der Mövenpickpartei an diverse Ministerien und Lobbykreise verschickt wurde. Der Richter Dr. Martin Vogel (er hat selbst an 4 Gesetzen mitgearbeitet) geht davon auss dass der größte Teil des Entwurfs aus einem großen Presseverlagshaus und nicht aus dem Justizministerium stammt. Demnach sollen in das Urheberrecht Paragraphen 87f bis 87h eingefügt werden, damit die Verlage "umfassender gegen Rechtsverletzungen im Internet vorgehen können". Ein Jahr sollen Presseverlage ihre Artikel demnach alleine im Internet nutzen dürfen, die gewerbliche Nutzung untersagen oder Geld dafür verlangen. Einen Artikel verlinken und das reine Zitieren soll "theoretisch" erlaubt bleiben. Leistungsschutzrechtsverletzungen sollen mit Geld- oder Freiheitsstrafen geahndet werden können.
Fraglich ist auch die Anwendung des Urheberrechts an anderer Stelle. Der Versicherungskonzern Ergo welcher durch Betriebliche-Lustreisen seiner Mitarbeiter in Bordelle und Swingerclubs bekannt geworden ist verbietet dem Handelsblatt die Berichterstattung mit Hinweis auf das Urheberrecht.

Leistungsschutzrecht für Presseverleger Referentenentwurf vom 13.06.2012

§87f  Presseverleger

(1) Der Hersteller eines Presseerzeugnisses (Presseverleger) hat das ausschließliche Recht, das Presseerzeugnis oder Teile hiervon zu gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich zu machen. Ist das Presseerzeugnis in einem Unternehmen hergestellt worden, so gilt der Inhaber des Unternehmens als Hersteller.

(2) Ein Presseerzeugnis ist die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge im Rahmen einer unter einem Titel auf beliebigen Trägern periodisch veröffentlichten Sammlung, die bei Würdigung der Gesamtumstände als überwiegend verlagstypisch anzusehen ist und die nicht überwiegend der Eigenwerbung dient.
Journalistische Beiträge sind insbesondere Artikel und Abbildungen, die der Informationsvermittlung, Meinungsbildung oder Unterhaltung dienen.

§87g Übertragbarkeit, Dauer und Schranken des Rechts

(1) Das Recht des Presseverlegers nach § 87f Absatz 1 Satz 1 ist übertragbar. Die §§ 31 und 33 gelten entsprechend.

(2) Das Recht erlischt ein Jahr nach der Veröffentlichung des Presseerzeugnisses.

(3) Das Recht des Pressverlegers kann nicht zum Nachteil des Urhebers oder eines Leistungsschutzberechtigten geltend gemacht werden, dessen Werk oder nach diesem Gesetz geschützter Schutzgegenstand im Presseerzeugnis enthalten ist.

(4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen für nicht gewerbliche Zwecke. Im Übrigen gelten die Vorschriften des Teils 1 Abschnitt 6 entsprechend.

§87h Beteiligungsanspruch des Urhebers

Der Urheber ist an einer Vergütung angemessen zu beteiligen.“

Die Aufgabe der Medien und in der Theorie und Realität

Die Medien begreifen sich als vierte Gewalt im Staat und geben vor eine Kritik- und Kontrollfunktion in der Gesellschaft wahrzunehmen indem sie Missstände aufdecken, Ereignisse kommentieren, hinterfragen und kritisieren. Wie jeder Artikel der durch Kommentare zerrissen wird, aber auch mein Blog zeigt wird diese Funktion so gut wie nicht wahrgenommen. Wie auch? Die Gremien der Öffentlich Rechtlichen werden von Wirtschaft und Politik bestimmt, private Medien geben die Meinung ihrer Inhaber wieder. Bei den ÖR betragen die Werbeeinnahmen bis zu 40%, bei den Privaten sind es 50 bis 80%.
Qualitätsjournalismus in Deutschland sieht folgendermaßen aus: Journalisten möchten möglicherweise noch unabhängig und mit kritischer Distanz berichten. Spätestens in der Chefredaktion ist damit jedoch Schluß. Mitarbeiter die sich der Mainstreamberichterstattung der von Wirtschaft und Politik vorgegeben wird nicht anschließen wollen oder querschießen werden ganz schnell ausgebootet. Online-Journalisten wirden bis heute nicht in den Tarifvertrag aufgenommen. Für neue Arbeitsverträge wurde das Tarifniveau um 25% abgesenkt. Seit 2003 sind 1000 Redakteurstellen (etwa ein Achtel) ersatzlos gestrichen worden. Aus Zeitmangel können Artikel kaum noch sorgfältig rechierchiert und geprüft werden. Oft müssen sich Journalisten blind auf Agenturmeldungen verlassen.
Laut einer Studie des Hamburger Hans-Bredow-Instituts ist das Fernsehen mit einem Anteil von 30% das wichtigste Informationsmedium in Deutschland, danach folgen Zeitungen (25%) vor Radio (19'%) und Internet (18%). Die Tagesschau des ARD ist dabei mit einem Anteil von 29% die wichtigste Informationsquelle vor Google (6,8%), Bild (6,0%) und heute-Nachrichten des ZDF (5,6%).

Blogger und das neue Leistungsschutzrecht

Es wird von großen Vorteilen für Blogger gesprochen:

1. Blogger sollen damit Geld verdienen können.
2. Das Recht auf kostenloses Zitat bleibt voll erhalten
3. Wer gewerblich aggregiert, ohne selbst zu schreiben, braucht eine Lizenz
4. Wer privat bloggt muss wegen dem Leistungsschutzrecht nichts bezahlen

Die Sache hat jedoch einen Haken. Selbst ich als Laie sehe unzählige Lücken und nicht regelbare Grauzonen die sich Anwälte zunutze machen werden um Blogger nur so mit Klagen zu überschütten. Bereits ein Werbebanner oder ein Flattr-Knopf gelten als gewerbliche Nutzung. Udo Vertter vom Lawblog schreibt von einem "Konjunkturprogramm für Rechtsanwälte" und einem "Kniefall vor der Verlegerlobby".
Im Dezember 2010 wurde von mehreren Organisationen und Internetportalen eine Gegeninitiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL) gegründet. Zu den Initiatoren gehören u.a. der Chaos Computer Club, Google, Netzpolitik.org, Creative Commons und Wikimedia Deutschland. Am 26. März 2012 sprach sich als erster Verleger Georg Schaff vom Donaukurrier dagegen aus.
Im Referentenentwurf vom 13.06.2012 wird selbst die Vergütung von kleinen Teilen eines Textes gefordert. Demnach könnte selbst die Verwendung von Teilen einer Überschrift zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung führen.
Letztendlich würden die Rechtsunsicherheiten dazu führen dass zum Beispiel in der Wikipedia als auch in meinem Blog und bei vielen anderen mehr nur noch Quellen die sich ausdrücklich von diesem Leistungsschutzrecht distanzieren verlinkt und zitiert werden könnten.

Verstoß gegen das Grundgesetz

Die Verlage würden damit eine Vorzugsbehandlung erhalten die freien Journalisten von der Rechssprechung nicht eingestanden wird. Stellt ein Blogger oder ein freier Journalist einen Inhalt ins Netz willig er stillschweigend ein, dass er von anderen genutzt wird. Diese Ungleichbehandlung könnte gegen das Grundgesetz verstoßen.

18.07.2011. Nachdem Google mit belgischen Verlegern einen Rechtsstreit durch alle Instanzen verloren hat reagiert der Internetkonzern und sperrt die Seiten der Zeitungen aus Google News und der Google-Suche aus. Ähnliches wird, sollte das auch in Deutschland Gesetz werden, wohl auch hierzulande geschehen.

20.06.2012. In der Diskussion meinen einige sie könnten profitieren weil nur Texte die unter freien Lizenzen stehen von den Suchmaschinen noch gelistet werden und indem sie nur auf Medien verlinken die die Anwendung des Leistungsschutzrechts ausschließen. Zudem ist ein Linkverkürzer aufgetaucht so dass bei der Verlinkung keine Worte die das Leistungsschutzrecht verletzen würden angegeben werden müssten. Leider wird das eigentliche Problem dass nämlich schon 3 bis 4 Worte die so ähnlich klingen wie das das "Drecksblatt" geschrieben hat ausreichen um Dutzende von Abmahnanwälten am Hals zu haben damit nicht gelöst. Daher wird dieses Blog am Tag bevor das Leistungsschutzrecht in Kraft tritt offline gehen.
Es wird auch davon geträumt dass man den Spieß umdrehen und die Verlage wegen Urheberrechtsschutzverletzungen verklagen könnte. Die Beantwortung der einfachen Frage "Wie  viele Gerichtsverfahren steht einzelner nervlich und finanziell durch und wie viele ein Verlag mit einer Rechtsabteilung?" entlarvt jedoch auch das als nicht realisierbaren Traum.

21.06.2012. Es wird darüber spekuliert dass Fr. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger das Gesetz überhaupt nicht haben will und nur wegen dem Koalitionsvertrag diesen Murks abgeliefert hat. In den letzten Tagen haben sich mehrere Presseverlage wie Spiegel und FAZ von dem angedachten Leistungsschutzgesetz distanziert. Offenbar schwärmt nur der Axel-Springer-Verlag davon.

27.06.2012. Justus Haucap (Berater der Kommission des Bundeswirtschaftsministeriums) will einen neue Abzockerverein nach dem Vorbild der Gema kreieren um die Gebühren zu verteilen.

28.06.2012. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert den Verzicht auf das Gesetz zum besonderen Schutz von Verlagsprodukten.

04.07.2012. Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage wurde heute nicht wie geplant im Kabinett verabschiedet.

28.08.2012. Die Schwarzgeldregierung hat Entwurf Nummer 3 des Leistungsschutzrechts heute versabschiedet. Er sieht vor dass "... gewerbliche Anbieter von Diensten die Inhalte entsprechend aufbereiten unter Lizenzpflicht fallen ...". Da bekanntlicherweise auch ein Blogger der Werbung schaltet ein gewerblicher Anbieter ist wird er damit zur Kasse gebeten. Das wiederum bedeutet dass dieser Blog abgeschaltet werden muss sobald dieses Gesetz in Kraft tritt. In der Begründung wird zwar davon gefaselt dass Blogger nicht davon betroffen sind. Aber das wird Abmahnanwälte meiner Erfahrung nach ganz und gar nicht interessieren. Folgender Entwurf geht nun in die parlamentarische Beratung:

Abschnitt 7 Schutz des Presseverlegers

§87f Presseverleger

(1) Der Hersteller eines Presseerzeugnisses (Presseverleger) hat das ausschließliche Recht, das Presseerzeugnis oder Teile hiervon zu gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich zu machen. Ist das Presseerzeugnis in einem Unternehmen hergestellt worden, so gilt der Inhaber des Unternehmens als Hersteller.

(2) Ein Presseerzeugnis ist die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge im Rahmen einer unter einem Titel auf beliebigen Trägern periodisch veröffentlichten Sammlung, die bei Würdigung der Gesamtumstände als überwiegend verlagstypisch anzusehen ist und die nicht überwiegend der Eigenwerbung dient. Journalistische Beiträge sind insbesondere Artikel und Abbildungen, die der Informationsvermittlung, Meinungsbildung oder Unterhaltung dienen.

§87g Übertragbarkeit, Dauer und Schranken des Rechts

(1) Das Recht des Presseverlegers nach §87f Absatz 1 Satz 1 ist übertragbar. Die §§31 und 33 gelten entsprechend.

(2) Das Recht erlischt ein Jahr nach der Veröffentlichung des Presseerzeugnisses.

(3) Das Recht des Pressverlegers (Der Schreibfehler in der Vorlage und stammt nicht von Gar Nix) kann nicht zum Nachteil des Urhebers oder eines Leistungsschutzberechtigten geltend gemacht werden, dessen Werk oder nach diesem Gesetz geschützter Schutzgegenstand im Presseerzeugnis enthalten ist.

(4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten. Im Übrigen gelten die Vorschriften des Teils 1 Abschnitt 6 entsprechend.

§87h Beteiligungsanspruch des Urhebers

Der Urheber ist an einer Vergütung angemessen zu beteiligen.

31.08.2012. Der Staatsminister der Bundeskanzlerin mit beratender und unterstützender Funktion hat den ausserordentlich wohlklingenden Namen Eckart von Klaeden der wiederum der Bruder von Dietrich von Klaeden ist welcher beim Axel-Springer-Verlag die Leitung der Regierungsbeziehungen vertritt und das Leistungsschutzrecht vorantreibt.

29.09.2012. Der Kulturausschuss hat am Montag das vorgeschlagene Leistungsschutzrecht als unausgewogen abgelehnt. Der Bundesrat tendiert in die selbe Richtung. Die SPD will Presseverleger durch andere Anpassungen am Urheberrecht stärken.

04.10.2012. Petition 35009 gegen das Leistungsschutzrecht geht nur bis 10. Oktober 2012 und hat erst 10.195 Unterschriften. Da sollte noch was passieren: Petition 35009.

19.10.2012. Google schreibt in einem Brief an Mitglieder der französischen Regierung dass man nicht mehr auf französische Internetseiten verlinken wird, wenn Frankreich ein Leistungsschutzrecht einführt.

22.10.2012. Die 1. Lesung vom Gesetzentwurf für das Leistungsschutzrecht wurde so gelegt dass es an den meisten vorbeigeht: Auf Punkt 43 der für den späten Abend vorgesehen ist.

27.11.2012. Google startet eine Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht.
Die 1. Lesung des Gesetzentwurfs wurde auf Freitag, 30.11.2012 um 1 Uhr 50 bis 2 Uhr 25 verlegt. Es gibt am Donnerstag offenbar kein Fußballspiel.

28.11.2012. Rechtsexperten unter Führung des Max-Planck-Instituts für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht wenden sich gegen das geplante Leistungsschutzrecht weil es "weder sinnvoll noch durchdacht" ist ... "Er lässt sich auch durch kein sachliches Argument rechtfertigen". Zudem ist es der Aussage der Experten zufolge so schwammig formuliert dass "die Konturen der vorgeschlagenen Regelung erst über Jahre hinweg die höchstrichterliche Rechtssprechung schaffen" könnte.
Die 1. Lesung des Gesetzentwurfs wurde noch einmal verschoben. Sie soll nun am 30.11.2012 um 2 Uhr 05 bis 2 Uhr 45 stattfinden. Angeblich schlagen bei den Bundestagsabgeordneten so gut wie keine Proteste auf. Das sollte sich doch ändern lassen.

30.11.2012. Der Bundestag hat mit den Stimmen der Schwarzgeldkoalition nach einer Debatte die nur wenige Abgeordnete verfolgten heute morgen das "Gesetz" auf den Weg gebracht. Damit kommt es zur weiteren Beratung in die Fachausschüsse.
Helmut Heinen und Hubert Burda (Präsidenten der Verlegerverbände BDZV und VDZ) haben in einem Brief ihre Sorgen über Googles "Netzverteidigung" zum Ausdruck gebracht und schreiben "dass Google zu noch viel mehr im Stande sein soll und sich im Gegensatz zur deutschen Presse nicht der Wahrheit verpflichtet fühle".

05.12.2012. Herr Lammert (Bundestagspräsident) meint Google als dreist bezeichnen zu müssen weil der Konzern die Nutzer dazu auffordert, sich gegen das Leistungsschutzrecht zu wenden und eine Internetseite creiert hat die direkt zu den Wahlkreisen der Parlamentarier führt. Gar Nix findet es dagegen dreist wenn derart wie hier geschehen still und leise morgens um 2 Uhr 05 ein Gesetz von "Springers Gnaden" durchgedrückt werden soll.

06.12.2012. Christoph Keese (Konzernführer Axel-Springer Verlag), wahrscheinlich der Schöpfer des Leistungsschutzrechts, behauptet dass Google eine Art Taliban und Gegner der Fortschritts wäre und mit robots.txt nur Steinzeittechnologie anbieten würde die nur erlauben würden entweder "An oder Aus für alle und alles". Dabei hat er "vergessen" dass es durchaus auch andere technische Möglichkeiten wie z.B. Bezahlschranken gibt. Übersetzt: Ich wüsste nicht warum ich bezahlen sollte wenn jemand anders, wie z.B. Verlage, meine Straßen benützen.

16.12.2012. Netzpolitik.org hat im Oktober eine Anfrage an das Bundeskanzleramt nach dem Informationsfreiheitsgesetz bezüglich der Frage wie nahe sich die beiden Klaeden-Brüder bezüglich dem Leistungsschutzrecht stehen gestellt. In der letzten Woche kam als Atwort [nicht wörtlich zitiert] folgende Begründung für die Nichtherausgabe von 5 vorhandenen Akten: "Ein Anspruch auf Herausgabe der Akten besteht deshalb laut § 4 Absatz 1 des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) nicht soweit und solange durch die vorzeitige Bekanntgabe der Informationen der Erfolg der Entscheidung ... vereitelt würde". Zu deutsch: Wenn an die Öffentlichkeit kommt dass die beiden das zusammen ausgekungelt haben ist das Leistungsschutzrecht tot.
Wer von dem Leistungsschutzrecht betroffen ist weiß die Schwarzgeldregierung im übrigen auch nicht so genau. Das sollen später die Gerichte klären.

15.01.2013. Am 30. Januar 2013 soll das Leistungsschutzrecht unter Vorsitz von Sigfried Kauder (CDU) im Rechtsausschuss erörtert werden. Dabei auch neun Experten, darunter die Rechtsanwälte Till Kreuzer und Thomas Stadler und die Rechtsprofessoren Gerald Spindler und Malte Stieper.

21.01.2013. Der Verband Deutscher Zeitungsverleger (VDZ) hat die Kampagne "Verteidige deine Presse" gestartet. Während dessen hat Google nach eigenen Angaben bereits mehr als 100.000 aktive Unterstützer. Knapp über 150.000 Nutzer haben sich registriert.

25.01.2013. Das Land Schleswig-Holstein will auf Antrag der Piratenpartei im Bundesrat gegen das Leistungsschutzrecht stimmen.

30.01.2013. Bei der Bundesantagsanhörung zum Leistungsschutzrecht treffen die Meinungen der Äxpärten (die bessere Bezeichnung würde Lobbyisten heissen) aufeinander. Raus kommt natürlich nix dabei.

02.01.2013. In Frankreich einigt sich Google mit den Verlegern auf die Gründung eines "Innovationsfonds" in den Google einmalig 60 Mio. Euro einzahlt um den Verlegern den Übergang in die digitale Welt zu erleichtern. Damit ist dort das Leistungsschutzrecht vom Tisch.

04.01.2013. Deutsche Verlage wollen sich dem Beispiel Frankreichs nicht anschließen sondern beharren auf Leistungsschutz(un)recht für Presseverleger. Naja warum auch wenn es eigentlich gar nicht um Google geht sondern darum ein Abmahn- und Zensursystem in die Pfoten zu bekommen.

15.02.2013. Die zukünftige rot-grüne Regierung von Niedersachsen lehnt in der Koalitionsvereinbarung das geplante Gesetz klar ab.

01.03.2013. Im Bundestag hat die Schwarzgeldregierung das Leistungsschutz(un)recht gegen die Stimmein der Opposition und Stimmen aus dem eigenen Lager verabschiedet. Nun muss das Gesetz noch Bundesrat in dem rot-grün die Mehrheit hat passieren bevor es in Kraft treten kann.

21.03.2013. Die SPD macht dem Ruf als Umfaller- und Bauchschmerzpartei alle Ehre. Nordrhein-Westfalen will sich in der Abstimmung des Bundesrats am Freitag (23.03.2013) nicht an einer Blockade beteiligen.

22.03.2013. Die SPD hat wie immer wenns drauf ankommt gehandelt. Die Volksverräter haben heute im Bundesrat das LeistungsschutzUNrecht durchgewinkt.

18.06.2014. Die Verwertungsgesellschaft VG Media vertritt 12 Verlage , darunter Springer [Bild, Welt], Burda [Focus], Funke [WAZ, Hamburger Abendblatt], DuMont Schauberg [Kölner Stadtanzeiger, Express]. Zwischenzeitlich sind 138 Unternehmen aus der Verlagsindustrie mit 219 digitalen Angeboten die VG Media mit der Wahrnehmung und Durchsetzung des Leistungsschutzrechts beauftragt haben.
Diese sind so unverfroren sind klagen gegen Google dafür dass der Suchmaschinenbetreiber dafür sorgt dass sie überhaupt gefunden werden. Nicht dabei sind derzeit u.a. Spiegel Online, Handelsblatt, FAZ und Sueddeutsche, focus.de, stern.de, handelsblatt.com.

20.06.2014. VG Media geht auch gegen die Deutsche Telekom, 1&1, Yahoo und Microsoft vor.

25.06.2014. Heiko Maas (Bundesjustizminister) hat vor, das Leistungsschutz(un)recht für Presseverleger zu verschärfen. Google lehnt es richtigerweise ab, für kleine Textausschnitte in den Suchergebnissen zu bezahlen da den Verlagen immer freigestanden hat, selbst zu entscheiden, ob ihre Inhalte in Google News (wo es zudem gar keine Werbung gibt) angezeigt werden sollen.
Das dreisteste an der Klage ist noch dass Google dann auch noch vorgeworfen wird eine marktbeherrschende Stellung auszunützen wenn Google die Inhalte dieser Verlage nicht verlinken möchte.

01.08.2014. Yahoo klagt laut einer Pressemitteilung von Helge Huffmann (Justiziar von Yahoo) vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Leistungsschutz(un)recht. Man ist der "Ansicht, dass das Leistungsschutzrecht eine verfassungswidrige Beschränkung der Informationsfreiheit der Internetnutzer darstellt, da eine gezielte Informationserlangung im Internet ohne die Hilfe von Suchmaschinen nicht denkbar ist. Das Grundgesetz verpflichtet den Staat zum Schutz der Informationsfreiheit ... Nicht zuletzt sind wir der Ansicht, dass das Leistungsschutzrecht aufgrund seiner Unklarheit zu einer unzumutbaren Rechtsunsicherheit führt."

22.08.2014. Das Bundeskartellamt will kein Verfahren gegen Google einleiten, wie es zuvor von großen deutschen Verlagen gefordert worden war, weil nicht erkennbar wäre, dass Google seine Marktmacht missbrauchen würde.

15.09.2014. Die Unternehmen 1&1 (incl. GMX und Web.de) und T-Online zeigen in den Suchmaschinen keine Ergebnisse von 169 in der VG Media organisierten Verlagen mehr an.

01.10.2014. Google kürzt folgerichtig bei allen Verlagen die von der VG Media vertreten werden die Suchergebnisse auf die Überschrift. Auch auf Vorschaubilder und Snippets verzichtet Google um juristische Risiken zu vermeiden. VG Media schreibt daraufhin in einer Pressemitteilung von Erpressung, Diskriminierung und Missbrauch einer Marktmacht. Zudem wird frecherweise impliziert dass alle Verlage die nicht von der VG Media vertreten werden wollen dies unterlassen würden weil sie "eine Durchsetzung ihrer Rechte nicht wagen".

05.11.2014. Nachdem eine zweiwöchige Datenerfassung beim Springer-Verlag ein Traffic-Minus von fast 40% ergeben hat erteilt der Konzern an Google das Recht wieder gratis Textauszüge und Vorschaubilder von den Angeboten welt.de, computerbild.de, sportbild.de sowie autobild.de anzuzeigen.

25.11.2014. Die Bundestagsfraktionen der Opposition (Linke und Grüne) haben einen Antrag beschlossen, laut dem der Bundestag das Leistungsschutz(UN)recht abschaffen soll weil es "mehr Verwirrung als Klarheit" stiftet.

Bilder
Verkaufte Auflage von "Bild" und "Bild am Sonntag", Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported, Urheber: Jörny

Quellen
25.11.2014, Heise, Opposition will Leistungsschutzrecht für Presseverleger abschaffen
05.11.2014, Heise, Springer knickt ein, Google kriegt Gratisrechte für weitere Titel
01.10.2014, VG Media, Google erpresst Rechteinhaber
01.10.2014, Sueddeutsche, Leistungsschutzrecht, Google kürzt Suchergebnisse von mehr als 200 Nachrichtenseiten
15.09.2014, Golem, LEISTUNGSSCHUTZRECHT, Mailprovider werfen Verlage aus ihren Suchmaschinen
15.09.2014, Zeit, URHEBERRECHT, Das Leistungsschutzrecht kennt bisher nur Verlierer
22.08.2014, Tagesschau, Bundeskartellamt zu Leistungsschutzrecht, 0:1 im Streit Verlage gegen Google
22.08.2014, Sueddeutsche, Leistungsschutzrecht, Kartellamt weist Verlagsbeschwerde gegen Google ab
01.08.2014, NDR, Leistungsschutzrecht, Yahoo zieht nach Karlsruhe
28.06.2014, Zeit, LEISTUNGSSCHUTZRECHT, Eine Farce nähert sich ihrem Höhepunkt
25.06.2014, Golem, LEISTUNGSSCHUTZRECHT VERSCHÄRFEN, Maas stützt Verlage im Kampf gegen Google
25.06.2014, Heise, Bundesjustizminister stellt Leistungsschutzrecht-Anpassung in Aussicht
20.06.2014, Golem, LEISTUNGSSCHUTZRECHT, VG Media verlangt auch Geld von Telekom und Microsoft
18.06.2014, Sueddeutsche, Leistungsschutzrecht, Klage gegen Google
21.06.2013, Spiegel, Leistungsschutzrecht, Verlage sollen ihr Okay für Google News geben
23.05.2013, Telepolis, Eckart von Klaeden: Von der Bilderberg-Konferenz zur Daimler AG
22.03.2013, Tagesschau, Keine Blockade der SPD-Länder, Bundesrat lässt das Leistungsschutzrecht passieren
21.03.2013, Sueddeutsche, Leistungsschutzrecht im Bundestag, Blockade ohne Mehrheit
01.03.2013, Welt, Bundestag, Koalition gibt grünes Licht für Leistungsschutzrecht
14.02.2013, Sueddeutsche, Netzpolitik, Rot-Grün in Niedersachsen lehnt Leistungsschutzrecht ab
03.02.2013, Sueddeutsche, Leistungsschutzrecht und Google, Deutsche Verlage wollen französischen nicht folgen
01.01.2013, Sueddeutsche, Kampf ums Leistungsschutzrecht, Google einigt sich mit französischen Verlegern
31.01.2013, Heise, Glatt durchgefallen, das Leistungsschutzrecht für Presseverlage
31.01.2013, Heise, Sachverständige streiten sich über Leistungsschutzrecht
25.01.2013, Heise, Schleswig-Holstein will Leistungsschutzrecht blockieren
21.01.2013, Heise, Leistungsschutzrecht, Das Presseimperium schlägt zurück
15.01.2013, Heise, Leistungsschutzrecht, Anhörung im Bundestag Ende Januar
14.01.2013, Heise, Leistungsschutzrecht-Lobby bearbeitet Kanzleramt seit Frühjahr 2009
16.12.2012, Telepolis, Die Informationsfreiheit und der "Erfolg einer Entscheidung"
06.12.2012, Golem, Leistungsschutzrecht, Axel-Springer vergleicht Google mit Taliban
05.12.2012, Spiegel, Streit über Leistungsschutzrecht, Lammert empört sich über Google-Kampagne
30.11.2012, Heise, Bundestag streitet übes geplante Leistungsschutzrecht
30.11.2012, Welt, Debatte im Bundestag, Leistungsschutzrecht - "Das Netz schläft nicht"
30.11.2012, Tagesschau, Urheberrecht im Internet, Bundestag bringt Leistungsschutzgesetz auf den Weg
28.11.2012, taz, Protest gegen Leistungsschutzrecht, Beruhigt zu Bett gehen
28.11.2012, Spiegel, Umstrittener Gesetzentwurf, Wissenschaftler verreißen Leistungsschutzrecht
27.11.2012, Digitale Linke, Leistungsschutzrecht für Presseverlage im Bundestag - Update 3
27.11.2012, Netzpolitik, Google startet Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht
19.10.2012, Golem, Leistungsschutz, Google will französische Medien nicht mehr verlinken
26.09.2012, Heise, Bundesrat ringt um Position zum Leistungsschutzrecht
05.09.2012, Telepolis, Mein Skandal gehört ERGO
31.08.2012, Handelsblatt, Lustreisen, Ergo bremst Transparenz mit juristischen Mitteln
31.08.2012, saschalobo, Fünf entscheidende Fragen zum Leistungsschutzrecht
29.08.2012, Golem, Verschärfte Version, Bundesregierung verabschiedet Leistungsschutzrecht
29.08.2012, bmj, Gesetzentwurf der Bundesregierung (PDF-Datei).
28.08.2012, Spiegel, Leistungsschutzrecht, Ministerium weitet Google-Gesetz aus
04.07.2012, Golem, Kabinett, Umstrittenes Leistungsschutzrecht noch nicht verabschiedet
28.06.2012, taz, Entwurf zum Leistungsschutzrecht, Industrie will Gesetz stoppen
27.06.2012, taz, Protest gegen Leistungsschutzrecht, Wer was im Netz komponiert
21.06.2012, Telepolis, URL-Shortener gegen Leistungsschutzrecht
20.06.2012, Heinrich Rudolf Bruns, Die Zündler in der Feuerwehr
15.06.2012, t3n, Leistungsschutzrecht, Wikipedia bald ohne Links
14.06.2012, Heise, Medienstudie, TV immer noch wichtigste Informationsquelle
14.06.2012, Lawblog, Digital kastriert
14.06.2012, Zeit, Leistungsschutzrecht, Von Pressetexten sollten künftig besser alle die Finger lassen
14.06.2012, Sueddeutsche, Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht, Kleine Münze, exklusiv
14.06.2012, me-magazine, Deutsche Medien und wie das Ausland sie sieht
14.06.2012, der presseschauder, Vier Gründe, warum Blogger das Leistungsschutzrecht nicht fürchten sollten
13.06.2012, irights.info, Refertentenentwurf des Bundesministeriums der Justiz (PDF-Datei)
18.07.2011, Google-News-Urteil, Belgische Zeitungen fliegen aus Googles Suchmaschine
Wikipedia, Eckard von Klaeden
Wikipedia, Funktionen der Massenmedien
Wikipedia, Leistungsschutzrecht für Presseverleger

Sonntag, 23. November 2014

(Atom)Forschungszentrum Jülich

(Atom)Forschungszentrum Jülich
Die deutsche (Atom)Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ) betreibt, gestützt auf die Schlüsselkompetenzen Physik und Supercomputing, interdisziplinäre Forschung in den Bereichen Gesundheit, Energie und Umwelt sowie Information. Mit rund 5000 Mitarbeitern (2012) gehört es zu den größten Forschungseinrichtungen Europas.

Das Forschungszentrum liegt inmitten des Stetternicher Forstes in Jülich (Kreis Düren, Rheinland) und umfasst eine Fläche von ca. 2,2 Quadratkilometern.

Das jährliche Budget des Forschungszentrums beträgt etwa 530 Millionen Euro. Die öffentlichen Mittel werden zu 90 % vom Bund und zu 10 % vom Land Nordrhein-Westfalen getragen.

Das Forschungszentrum gliedert sich in
  • 9 Institute (mit 56 Institutsbereichen),
  • 4 Zentralabteilungen,
  • 2 Projekte und
  • 2 Projektträgerschaften:
  • Projektträger Jülich
  • Projektträger Energie, Technologie, Nachhaltigkeit (ETN)
Organe des Forschungszentrums sind
  • die Gesellschafterversammlung
  • der Aufsichtsrat
  • der Vorstand, bestehend aus
  • Wolfgang Marquardt (Vorsitzender)
  • Karsten Beneke (Stellvertr. Vorsitzender)
  • Sebastian M. Schmidt (für den Geschäftsbereich Schlüsseltechnologie, Struktur der Materie und Gesundheit)
  • Hans-Harald Bolt (für den Geschäftsbereich Energie und Umwelt)
Gremien des Forschungszentrums sind unter anderem
  • der Wissenschaftliche Beirat (WB)
  • der Wissenschaftlich-Technische Rat (WTR)
Die Forschung in Jülich ist in die Forschungsbereiche Gesundheit, Energie und Umwelt sowie Information aufgeteilt. Als Schlüsselkompetenzen werden Physik und Scientific Computing genannt.

Institute
  • Institute for Advanced Simulation (IAS)
  • Institut für Bio- und Geowissenschaften (IBG)
  • Institute of Complex Systems (ICS)
  • Institut für Energie- und Klimaforschung (IEK)
  • Institut für Kernphysik (IKP)
  • Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM)
  • Jülich Centre for Neutron Science (JCNS)
  • Peter Grünberg Institut (PGI)
  • Zentralinstitut für Engineering, Elektronik und Analytik (ZEA)
Großgeräte zur Forschung

Kühlersynchrotron COSY

COSY (Cooler Synchrotron) ist ein Teilchenbeschleuniger (Synchrotron) und Speicherring (Umfang: 184 m) zur Beschleunigung von Protonen und Deuteronen, der vom Institut für Kernphysik (IKP) im Forschungszentrum betrieben wird.

Tokamak TEXTOR (Kernfusion)

TEXTOR war ein Tokamak-Experiment für technologieorientierte Forschung (Tokamak EXperiment for Technology Oriented Research) auf dem Gebiet der Plasma-Wand-Wechselwirkungen, das vom Institut für Energieforschung, Bereich Plasmaphysik (IEF-4) im Forschungszentrum betrieben wurde. Die Anlage wurde Ende 2013 stillgelegt. Die Erkenntnisse dienten der Vorbereitung des nächsten großen Schrittes, des Versuchsreaktors International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER) im südfranzösischen Cadarache.

Neben dem Forschungszentrum Jülich sind am ITER auch das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching bei München und verschiedene Institute des Karlsruher Atomforschungsinstituts (KIT) beteiligt. Weitere wissenschaftliche Zentren liegen in San Diego (USA) und Naka (Japan).

Das Forschungszentrum Jülich ist auch Kooperationspartner beim Kernfusionsexperiment Wendelstein 7-x.

NACOK Entwicklung und Sicherheitsforschung für Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktoren

Die Auswirkungen eines angenommenen Lecks im Druckbehälter eines zukünftigen Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktors, wie er in Jülich unter Rudolf Schulten entwickelt wurde, werden mit dem Großversuchsstand NACOK (Naturzug im Core mit Korrosion) im IEF-6 in Kooperation mit RWTH Aachen untersucht. Diese Testanlage besitzt einen über 7 Meter hohen Versuchskanal, der bis auf 1200 °C aufgeheizt werden kann, und ein ebenfalls beheizbares Rückführrohr. Die Ergebnisse werden für die Bestätigung thermohydraulischer Rechenprogramme eingesetzt. Experimente wurden für die südafrikanische Reaktorbaufirma PBMR, für die EU im Rahmen des Projektes RAPHAEL sowie 2010-11 gefördert vom Land NRW ausgeführt. Seit 2012 fördert das Bundeswirtschaftsministerium NACOK-Untersuchungen zur Staubbildung in Kugelhaufenreaktoren im Normalbetrieb.
Wissenschaftlern des FZJ wurde vorgeworfen Technologietransfer für chinesische Atomkraftwerke zu leisten obwohl das ein klarer Widerspruch zum Atomausstieg der Bundesrepublik Deutschland ist. China ist das einzige Land dass noch auf Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktoren setzt. Das FZJ bestreitet die Beteiligung am Bau eines Reaktors weil Rechenmodelle mit deren Hilfe die Auswirkungen von Störfällen damit ja GAR NIX zu tun haben.
Nach längerer öffentlicher Diskussion über den Sinn der HTR-Forschung im FZJ beschloss der Aufsichtsrat im Mai 2014, die HTR-Forschung Ende 2014 zu beenden und NACOK stillzulegen.

4-Tesla-Magnet-Resonanz-Tomograph

Ebenfalls seit 2004 wird vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin ein Magnet-Resonanz-Tomograph (MRT) betrieben, der eine magnetische Flussdichte von 4 Tesla liefert. Damit ist er eines der stärksten Geräte in Deutschland und Europa. Weiterhin existieren ein 1,5-Tesla- und ein 3-Tesla-Tomograph, welche insbesondere für die funktionelle Bildgebung (fMRT) mit neurologischen, neuropsychologischen und psychischen Fragestellungen verwendet werden. Seit 2007 befindet sich ein weiterer 3,0-Tesla-Tomograph mit PET-Einsatz im Aufbau. Nach Bewilligung der finanziellen Mittel ist ein 9,4-Tesla-Scanner mit kombinierter PET in Bau, welcher somit der stärkste MR-Tomograph in Europa sein wird (ein weiterer Tomograph mit dieser magnetischen Flussdichte existiert bereits in den USA).

Atmosphären-Simulationskammer SAPHIR

In der 20 Meter langen SAPHIR-Kammer (Simulation Atmosphärischer PHotochemie In einer großen Reaktionskammer) untersucht der Bereich Troposphäre (IEK-8) des Institut für Energie- und Klimaforschung (IEK) photochemische Reaktionen in der Erdatmosphäre.

Jülich Plant Phenotyping Center

Das Jülich Plant Phenotyping Center (JPPC) ist eine international führende Einrichtung zur Entwicklung und Anwendung von nicht-invasiven Techniken zur Quantifizierung von Struktur und Funktion von Pflanzen. Am JPPC wird sowohl Technologie-Entwicklung betrieben als auch phänotypische Untersuchungen auf mechanistischer Ebene, im Hochdurchsatz und im Feld durchgeführt.

Pflanzenexperimentier-Anlage PhyTec

Seit 2003 steht ein Gewächshaus mit modernster Technik zur Verfügung. Maximale Transparenz der Scheiben von über 95 % im Bereich des pflanzenrelevanten Lichtspektrums wird durch eine spezielle Glasart und Antireflex-Beschichtung erreicht. Zusätzlich dringt auch UV-B durch die Scheiben. Die CO2-Konzentration in zwei Abteilen kann erhöht und verringert werden, die Luftfeuchtigkeit kann variiert werden, die Temperatur kann auch im Sommer bei voller Einstrahlung auf 25 °C gehalten werden. Der Bereich Phytosphäre (ICG-III) des Instituts für Chemie und Dynamik der Geosphäre (ICG) simuliert hier verschiedene Klimaszenarien und untersucht deren Einfluss auf pflanzliche Schlüsselprozesse wie Wachstum, Transport, Austauschprozesse mit Atmosphäre und Boden sowie auf biotische Interaktionen.

MRI-PET-Zentrum für Pflanzen

Am ICG-3:Phytosphäre wurde ab 2006 mit dem Aufbau eines MRI-PET-Zentrums für Pflanzen begonnen. Inzwischen stehen dediziert für die Pflanzenforschung aufgebaute MRI- und PET-Systeme und seit Dezember 2009 auch ein Zyklotron zur Produktion von kurzlebigen Isotopen zur Verfügung.

Strahlrohre an Synchrotrons

Das Peter Grünberg Institut (PGI) unterhält oder unterhielt mehrere Beamlines zur Forschung mit Synchrotronstrahlung an verschiedenen Synchrotrons:

  • BL5 U-250-PGM bei DELTA (Dortmund)
  • UE56/1-SGM bei BESSY (Berlin)
  • MuCAT bei APS (Argonne, USA)
  • JUSIFA bei HASYLAB (Hamburg)

Meteorologie

Zum Forschungszentrum Jülich gehört auch ein 124 Meter hoher Stahlfachwerkmast für meteorologische Messungen. Er ist in 10, 20, 30, 50, 80, 100 und 120 Metern Höhe mit Plattformen ausgestattet, welche Messgeräte tragen. Der 1963/64 errichtete Messmast ist eine dreieckige Stahlfachwerkkonstruktion.

Supercomputer

Die folgenden Supercomputer werden bzw. wurden alle vom Jülich Supercomputing Centre (JSC) im Rahmen des John von Neumann-Instituts für Computing (NIC) in Jülich betrieben. Für die Supercomputer wurde 2003 eine neue 1.000 m² große Maschinenhalle neben dem Jülich Supercomputer Centre errichtet.
John von Neumann war ab 1943 am Manhattan-Projekt in den USA bei der Entwicklung der Atombombe beteiligt.

JUQUEEN

Der aktuell neueste Supercomputer trägt die Bezeichnung JUQUEEN und konnte 2012 in Betrieb genommen werden.

IBM p690-Cluster „Jump“

Der massiv-parallele Supercomputer IBM p690-Cluster Jump ist seit Anfang 2004 in Betrieb. Mit 1312 Prozessoren (41 Knoten mit je 32 Prozessoren) und einem Hauptspeicher von 5 Terabyte (128 Gigabyte pro Knoten) erbringt der Rechner eine Maximalleistung von 5,6 TFLOPS und war damit zum Zeitpunkt seiner Einrichtung auf Platz 30 der leistungsstärksten Rechner der Welt. Die Knoten sind durch einen High-Performance-Switch (HPS) miteinander verbunden. Anwendungen haben über ein globales paralleles Dateisystem Zugriff auf über 60 Terabyte Speicherplatz und einen integrierten Kassettenspeicher mit einer Kapazität von einem Petabyte. Betrieben wird der IBM-p690-Cluster Jump unter dem Betriebssystem AIX 5.1.

Jülicher BlueGene/L-Superrechner (JUBL)

Der 2006 eingeweihte JUBL gilt als Vorgänger des JUGENE und wurde nach dessen erfolgreicher Installation Mitte 2008 außer Betrieb genommen.

Jülicher BlueGene/P-Superrechner (JUGENE)

Am 22. Februar 2008 wurde der auf IBMs BlueGene/P-Architektur basierende massiv-parallele Supercomputer JUGENE eingeweiht. Zeitweilig war er der schnellste Rechner Europas und der schnellste zivile Rechner der Welt. Das Forschungszentrum hat JUGENE im Jahr 2012 abgestellt und zur Verschrottung freigegeben.

Weitere Supercomputer

Am 26. Mai 2009 wurden die beiden Rechner HPC-FF - der von Bull gebaute Rechner für die Fusionsforschung mit 1080 Cluster-Knoten mit je zwei Xeon-Quad-Core-Prozessoren (Xeon X5570, 2,93 GHz) - und der von Sun gelieferte JuRoPA mit 4416 Xeon-X5570-Prozessoren (2208 Prozessornodes) in Betrieb genommen. Beide Rechner lassen sich für spezielle Aufgaben zusammenschalten und erbringen zusammen 274,8  TFLOPS mit Linpack (entspricht Platz 10 weltweit). Als Betriebssystem kommt SUSE Linux Enterprise Server zum Einsatz.

Weitere Forschungsprojekte am Forschungszentrum Jülich

CLaMS: Atmosphärenmodelle für die Klimaforschung

Das Verständnis der chemischen Prozesse in der Atmosphäre bildet die Grundlage für zahlreiche Klimamodelle. Umweltforscher des Forschungszentrum Jülich untersuchen die Chemie der Atmosphäre mit Flugzeugen, Ballons und Satelliten und erstellen daraus chemische Modelle wie z.B. das CLaMS (Chemical Lagrangian Model of the Stratosphere), die in Simulationen auf Supercomputern zum Einsatz kommen. Diese Atmosphärensimulation ist in Fortran 90 geschrieben und modelliert den Ozonabbau in der nördlichen Stratosphäre. Die Ansteuerung erfolgt mit Shellprogrammen und die Visualisierung mit IDL.

MEM-BRAIN: Kohlendioxidabtrennung

Mit seinen Forschungspartnern entwickelt das Forschungszentrum Jülich keramische Membranen. Sie könnten in Kraftwerken als Filter eingesetzt werden, um Prozessgase zu trennen und auch Kohlendioxid effektiv zurückzuhalten.

UNICORE: einfacher Zugriff auf Computerleistung

Rechen- und Speicherressourcen sind oftmals auf mehreren Computersystemen, Rechenzentren oder sogar Ländern verteilt. Industrie und Wissenschaft benötigen also Werkzeuge für den einfachen und sicheren Zugriff auf diese Ressourcen. UNICORE aus Jülich ist ein Grid-basiertes Werkzeugpaket. Die aktuelle Version UNICORE 6 ist Web-Services basiert (WS-RF) und implementiert Grid-Standards des OGF.

AGATE: atomare Transmutation

In Zusammenarbeit mit RWTH Aachen und der Firma Siemens wird an der Entwicklung eines gasgekühlten unterkritischen atomaren Transmutationsreaktors AGATE gearbeitet, mit dessen Hilfe die Lebensdauer radioaktiver Abfälle verkürzt werden soll. Die vorhandene Expertise für gasgekühlte atomare Kugelhaufenreaktoren wird dabei genutzt.

Infrastruktur

Neben den forschenden Instituten und den Großeinrichtungen gibt es zahlreiche Infrastruktureinheiten und Zentralinstitute, die für den Betrieb des Forschungszentrums Jülich benötigt werden. So ist zum Beispiel eine hauptamtliche Werkfeuerwehr rund um die Uhr einsatzbereit, um Menschen, Sachwerte, Tiere und die Natur im und um das Forschungszentrum zu schützen.
Auf dem Gelände des Forschungszentrums betreibt die Landesanstalt für Arbeitsschutz (LAfA) des Landes Nordrhein-Westfalen eine Landessammelstelle für radioaktive Abfälle für die Länder NRW und Niedersachsen. Diese Sammelstelle nimmt neben radioaktivem Abfall aus dem Forschungszentrum auch weitere (schwach)-radioaktive Abfälle aus den genannten Ländern an.

Geschichte


18. Februar 1756. Es kommt zu einem Erdbeben der Stärke 6,2 in Düren. Dabei sterben zwei Menschen. Der Turm der Aachener Augustinerkirche gerät in Schräglage und muss später abgerissen werden. In Aachen brechen mehrere Häuser zusammen, 300 Schornsteine stürzen herab. Eine Kaserne in Jülich wird zerstört, Spalten tun sich in der Stadtmauer von Düren und in den Wänden der Burg Nideggen und des Klosters Wenau auf. Ein Turm der Stadtmauer von Bad Münstereifel stürzt ein.


11. Dezember 1956. Der Landtag von Nordrhein-Westfalen beschließt den Bau einer „Atomforschungsanlage“. Als Gründer gilt Leo Brandt (Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft und Verkehr in Nordrhein-Westfalen) Als Standort wird später der Staatsforst Stetternich gewählt.

11. Juni 1958. Der Grundstein für die Forschungsreaktoren MERLIN (FRJ-1) und DIDO (FRJ-2) wird gelegt.

1959 bis 2007. Etwa 3.800 Auszubildende am (Atom)Forschungszentrum schließen ihre Ausbildung in mehr als 25 Berufen erfolgreich ab.

1960. Die "Gesellschaft zur Förderung der kernphysikalischen Forschung (GFKF)" wird umbenannt in "Kernforschungsanlage Jülich des Landes Nordrhein-Westfalen e. V." (KFA).

23. Februar 1962. Der Forschungsreaktor MERLIN (FRJ-1) wird in Betrieb genommen.

14. November 1962. Der Forschungsreaktor Jülich 2 (FRJ-2) wird in Betrieb genommen. Er ist ein Reaktor der DIDO-Klasse und wird für Neutronenstreuexperimente genutzt. Betrieben wird er von der Zentralabteilung für Forschungsreaktoren (ZFR). Der FRJ-2 ist bis zur Inbetriebnahme der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz in Garching die stärkste deutsche Neutronenquelle und dient hauptsächlich der Durchführung von Streu- und Spektroskopie-Experimenten an kondensierter Materie.

1964. Rudolf Schulten, der "geistige Vater" des Hochtemperaturreaktors AVR wird Institutsleiter des KFA.  Daraufhin beginnt sich das Atomforschungzentrum verstärkt dem Kugelhaufenreaktor zu widmen.

1967. Die "Kernforschungsanlage Jülich des Landes Nordrhein-Westfalen e. V." wird in eine GmbH umgewandelt. Gesellschafter sind die Bundesrepublik Deutschland (2014 90%). und das Land Nordrhein-Westfalen (10%).
Im selben Jahr nimmt der Hochtemperaturreaktor AVR den Betrieb auf und liefert auch Strom ins öffentliche Netz. Der AVR wird von der KFA Jülich wissenschaftlich betreut und mit Betriebskostenzuschüssen unterstützt, ist aber formal unabhängig.

1969. Professor Alfred R. Boettcher koordiniert ab jetzt die Ausbildung brasilianischer Atomtechniker in Jülich und Karsruhe.

1970. Das Atomforschungszentrum ist Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen (AGF, 1970), die sich 1995 in die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren umwandelt.

1978. Im Atomversuchsreaktor Jülich ereignet sich ein Störfall der verschwiegen wird und erst 20 Jahre später ans Licht kommt. Der Betreiber "Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor" will den 2.100 Tonnen schweren Kern auf einem Lufkissenschlitten um 200 Meter versetzen und den Boden dekontaminieren.

Mitte 1980er Jahre. Die damalige Atomforschungsanlage reduziert ihre Arbeiten zur Weiterentwicklung des gasgekühlten Hochtemperaturreaktors. Für einige Jahre werden Entwicklungsarbeiten zur geplanten, aber nicht bewilligten Spallationsneutronenquelle SNQ zum Leitprojekt. Gleichzeitig werden neue Themen aufgegriffen und andere wichtige Themen erweitert.

22. März 1985. Forschungsreaktor MERLIN wird abgeschaltet.

31. Dezember 1988. Der Atomversuchsreaktor (AVR) in Jülich wird stillgelegt. Man rechnet mit einer Abklingzeit von mehr als 60 Jahren für den Reaktorkern der mit radioaktiven Isotopen wie Cäsium 137 und Strontium 90 verstrahlt ist. Dafür gibt es zurzeit immer noch keine Zerkleinerungstechnik. Die Einlagerung in das Endlager Konrad soll in überschaubarer Zeit nicht in Frage kommen.
Der Abriss des Hochtemperaturreaktors (HTR) im Forschungszentrum Jülich wird den Steuerzahler nach aktuellen Kalkulationen etwa 600 Mio. Euro kosten. Ursprünglich 300 Mio. Euro berechnet worden.

1990. Die Gesellschaft nennt sich um in „Forschungszentrum Jülich GmbH“ (FZJ).

31. Dezember 1994. Im Brennelementezwischenlager des abgeschalteten Atomkraftwerks Würgassen sind 632 Brennelement-Positionen belegt, davon 117 (20 tSM) mit abgebrannten, 340 (59 tSM) mit teilabgebrannten Brennelementen, 175 mit sonstigen, zum Beispiel frischen Brennelementen.
Zudem lagern in dem AKW ca. 1 600 m³ endlagerfähige radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung und ca. 270 m³ nichtwärmeentwickelnde Rohabfälle bzw. Reststoffe. Es befindet sich ca. 185 m³ wärmeentwickelnder Core-Schrott im Brennelement-Lagerbecken, der dort abklingt und noch weiter verarbeitet wird. Die radioaktiven Reststoffe werden zur Dekontamination in die Forschungszentren Karlsruhe oder Jülich, zum Hochdruckverpressen und zum Betonieren zur Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), zum Einschmelzen zur Siempelkamp Nukleartechnik GmbH und zum Verbrennen nach Studsvik (Södermanlands län, Schweden) gebracht.

2000 bis 2008. Forschungsreaktor MERLIN wird vollständig zurückgebaut.

2003. Ein zweiter Versuch, Standort einer großen Spallationsneutronenquelle (European Spallation Source ESS) zu werden, endet ohne Erfolg.

2006. Das Jülich Centre for Neutron Science (JCNS) wird gegründet. Damit bleibt das Forschungszentrum Jülich ein nationales Kompetenzzentrum für Neutronenstreuung. Sechs der wichtigsten Instrumente werden vom FRJ-2 an den FRM II verlegt; weitere Instrumente dort neu aufgebaut. Daneben betreibt das JCNS Außenstellen am Institut Laue-Langevin (ILL) in Grenoble und an der Spallation Neutron Source (SNS) in Oak Ridge.

2. Mai 2006. Forschungsreaktor 2 wird abgeschaltet.

2007. Durch die Gründung des JARA-Verbunds (Jülich Aachen Research Alliance) wird die Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen verstärkt.

2007. Im Forschungszentrum werden etwa 350 Menschen in 20 Berufen ausgebildet. Die Ausbildungsquote beträgt rund 9 % und liegt mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt (bei Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern). In Kooperation mit der RWTH Aachen und der Fachhochschule Aachen existieren ebenfalls kombinierte Ausbildungs- und Studiengänge. Den Absolventen wird nach bestandener Prüfung ein halbes Jahr Beschäftigung im erlernten Beruf angeboten.
Am Forschungszentrum selbst werden in der Regel keine Vorlesungen abgehalten, aber nach dem sogenannten „Jülicher Modell“ werden die Institutsdirektoren in einem gemeinsamen Berufungsverfahren mit dem Land Nordrhein-Westfalen auf eine Professur an eine der benachbarten Universitäten (in der Regel Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf, aber auch weiter entfernte wie Bochum, Duisburg-Essen oder Münster) berufen. Dort kommen sie ihrem Lehrauftrag nach. Auch viele weitere habilitierte Wissenschaftler am Forschungszentrum übernehmen Lehraufträge an den benachbarten Universitäten. In Zusammenarbeit mit den Universitäten wurden sog. „Research schools“ (z. B. „German Research School for Simulation Sciences“ mit der RWTH Aachen oder „International Helmholtz Research School of Biophysics and Soft Matter“ mit den Universitäten Köln und Düsseldorf) gegründet, um die wissenschaftliche Ausbildung von Studenten zu fördern.
Eine Ausnahme stellt die Ausbildung zum Mathematisch-technischen Softwareentwickler dar. Dabei werden in Kooperation mit der Fachhochschule Aachen (Standort Jülich) die Vorlesungen, die für den Bachelor „Scientific Programming“ benötigt werden, zum größten Teil im „Jülich Supercomputing Centre“ (JSC) – ehemals „Zentralinstitut für Angewandte Mathematik“ (ZAM) – von den Professoren der FH und Ausbildern des Supercomputing Centre gehalten. Auch für den konsekutiven Master-Studiengang „Technomathematik“ wird ein Teil der Vorlesungen von Mitarbeitern des Supercomputing Centre gehalten.
Im Forschungszentrum Jülich findet jährlich die zweiwöchige „IFF-Ferienschule“ statt, die aktuelle Fragestellungen der Festkörperphysik behandelt. Sie ist nach dem früheren Institut für Festkörperforschung (IFF) benannt.

9. Oktober 2007. Von der Nobelstiftung wird bekannt gegeben, dass Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich zusammen mit dem Franzosen Albert Fert von der Université Paris-Sud für die – voneinander unabhängige – Entdeckung des GMR-Effekts mit dem Nobelpreis für Physik am 10. Dezember 2007 in Stockholm ausgezeichnet wird. Dies ist der erste Nobelpreis für einen Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich und der Helmholtz-Gemeinschaft.

2008. Eine 51-seitige Expertenstudie von Rainer Moormann (FZJ-Sicherheitsforscher ) beschreibt die Risiken des deutschen Kugelhaufen-Reaktors und kommt zu dem Ergebnis, dass die Betreiber des AVR-Kugelhaufenreaktors nur knapp an einer Katastrophe „vorbeigeschlittert“ sind. In Deutschland ist diese Technik nach den Debakeln in Jülich 1967 bis 1988 und Hamm tot. Der Bericht von Moormann bricht ihm wohl auch weltweit endgültig das Genick.

11. Januar 2009. Im Rahmen der europäischen Forschung innerhalb des International Thermonuclear Experimental Reactor Projekts (ITER) soll der Supercomputer High Performance Computing – for Fusion (HPC-FF) zum Einsatz kommen und helfen, die komplexen Mechanismen im hundert Millionen Grad heißem Plasma zu simulieren und nachzuvollziehen.
Standort des neuen Rechners wird das Forschungszentrum Jülich das den Auftrag dazu von der Gemeinschaft der Europäischen Fusionsforschungsinstitute (European Fusion Development Agreement (EFDA) erhalten hat.
Der Computer soll mit 1080 Rechenknoten  im Endausbau bis zu 100 TFlop/s leisten. Jeder Node verfügt über zwei Xeon-Prozessoren (Nehalem-EP, Quadcore) von Intel. Insgesamt 8640 wassergekühlte Prozessoren  mit einer Taktfrequenz von 2,93 GHz sollen auf 3 Gigabyte Speicher pro Knoten zugreifen. Die Verbindung des Cluster soll Melanox mit seiner Infiniband-Architektur ConnectX mit Quad Data Rate (QDR) bereit stellen. Die Server vom Typ NovaScale R422 E2 kommen vom französischen Hersteller Bull. Das Betriebssystem SUSE Linux Enterprise Server stellt der Münchner Hersteller ParTec zur Verfügung.
Finanziert wird der Rechner von der Europäischen Kommission, der EURATOM, den Mitgliedsinstituten von EFDA sowie dem Forschungszentrum Jülich finanziert.

03. Dezember 2009. Niemand will für die Entsorgungskosten für Atommüll in Höhe von 12 Milliarden Euro aufkommen. Wenn man die Subventionen bis in die 50er Jahre zurückrechnet summieren sich die direkten und indirekten Zuwendungen an die Atomindustrie auf 160 Milliarden Euro. Bis jetzt ist das atomare Zwischenlager in Ahaus "nur" zu 10% gefüllt. Anfang 2010 sollen 300 Behälter aus La Hague, Duisburg, Jülich und evtl. Karlsruhe dort eingelagert werden.

2011. Professor Allelein (Leiter der Reaktortechnik an der RWTH Aachen und am Forschungszentrum Jülich) erklärt in diesem Jahr mehrfach dass die Reaktoren in Tihange sicher wären. Eine grenzüberschreitende Bürgerinitiative engagiert sich dagegen mit wissenschaftlicher Unterstützung gegen das ihrer Einschätzung nach unsichere Atomkraftwerk.

2011. Das Jülich Centre for Neutron Science (JCNS) bekommt den Status eines Instituts.

11. März 2011. Beginn der Katastrophe von Fukushima.

15. März 2011. Für Rückkehrer aus Japan gibt es beim Düsseldorfer Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (LIGA) die Möglichkeit eine kostenlose Untersuchung auf radioaktive Strahlenbelastung in Anspruch zu nehmen. Weitere Möglichkeiten gibt es in den Unikliniken von Köln und Essen und im Forschungszentrum Jülich.

02. April 2011. Aus dem Atomforschungszentrum Jülich bei Aachen sind offensichtlich 2285 Brennelementkugeln verschwunden. Laut Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) könnten sie vielleicht eventuell möglicherweise in der ASSE verschwunden sein. So ganz feststellbar ist das offenbar nicht weil man nicht so genau weiß was in der ASSE alles verklappt wurde. Auch hier wurde offensichtlich wieder gegen die Vorgabe dass ausschließlich schwach und mittelradioaktive Abfälle gelagert hätten werden dürfen - dazu gehören definitiv keine Brennelemente - verstoßen. Laut einer Berechnung von Hans Christian Markert (Atom-Experte / Die Grünen) enthalten diese Kugeln etwa 2,2 Kilogramm Uran 235 und ca. 23 Kilogramm Thorium 232, sollten es benutzte Brennelemente gewesen sein kommen noch weitere hochradioaktive Isotope wie Plutonium und Strontium hinzu.
Der Untersuchungsausschuss zur sogenannten Atomkugelaffäre endet wegen der vorgezogenen NRW-Landtagswahlen 2012 ohne Abschlussbericht. Weil die wesentlichen Aspekte, vor Allem eine nonchalante Kugelbuchführung des FZJ, aufgeklärt werden können, wird der Untersuchungsausschuss nach der Wahl nicht wieder eingesetzt.

13. Oktober 2011. Die "Fehlkonstruktion" Growian wurde vom Bundesministerium für Technik und Forschung (Ex-Atomministerium) beauftragt und vom Atomforschungszentrum Jülich projektiert. Beteiligt an dem Desaster waren auch Großkonzerne wie RWE.

30. November 2011. Der Aufsichtsrat des Forschungszentrums Jülich entscheidet sich dazu, Atommüll aus dem ehemaligen Forschungsreaktor Jülich (Thorium- / Kugelhaufenreaktor) bei Aachen ungefähr 200 Kilometer weit ins Zwischenlager Ahaus zu verschieben.

2012. Das (Atom)Forschungszentrum Jülich erhält in diesem Jahr von Bund und Land zusammen Fördergelder in Höhe von 427,8 Millionen Euro.

08. Mai 2012. Ein Zug mit 450 Tonnen abgereichertem Uranhexafluorid ist von der Urananreicherungsanlage Gronau zur Atomfabrik in Pierrelatte unterwegs. Er wurde gestern 8 Stunden lang bei Münster blockiert. Am Urenco-Standort in Jülich betreibt Urenco zusammen mit Areva ein Joint Venture zur Entwicklung von Gaszentrifugen.

9. Juli 2012. Atomkraftgegner und Politik sprechen sich für Atommülltourismus - die Verklappung von mehr als 150 Castorbehältern mit hochradioaktivem Atommüll aus Jülich - in die USA aus.

Ende 2012. Das Forschungszentrum beschäftigt über 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und arbeitet im Rahmen der Disziplinen Physik, Chemie, Biologie, Medizin und Ingenieurwissenschaften an Grundlagen und Anwendungen in den Bereichen Gesundheit, Information, Umwelt und Energie. Von den Mitarbeitern sind etwa 1.700 Wissenschaftler, einschließlich etwa 600 Doktoranden und Diplomanden. 691 Menschen arbeiten im Bereich Administration und Service, 768 Personen für Projektträger und über 1.600 als technisches Personal - in 20 Berufen gab es etwa 300 Auszubildende. Des Weiteren arbeiten in diesem Jahr 860 Gastwissenschaftler aus 40 Ländern im Forschungszentrum Jülich.

Mitte 2013. Die Genehmigung des derzeitigen Jülicher Castor-Zwischenlagers läuft aus, weil die erforderlichen Sicherheitsnachweise nicht beigebracht werden konnten. Die Lagerung wird seitdem durch eine atomrechtliche Anordnung der Düsseldorfer Aufsichtsbehörde befristet geduldet.

14. Mai 2014. Laut Rainer Priggen (Die Grünen / Fraktionsvorsitzender im Landtag) fordert seine Partei den kompletten Ausstieg des Forschungszentrums Jülich aus der Atomforschung und völlige Transparenz über die Altlasten.

Bilder aus Wikimedia Commons
(Atom)Forschungszentrum Jülich, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, Urheber: odoklecksel

Atomkraftwerk AVR Jülich (Hochtemperaturreaktor (HTR))

Atomkraftwerk AVR Jülich
Das stillgelegte Atomkraftwerk AVR Jülich (Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor Jülich) befindet sich in Jülich unmittelbar neben dem Gelände des Forschungszentrums Jülich (FZJ) auf einer vom Land Nordrhein-Westfalen in Erbpacht zur Verfügung gestellten Fläche. Es handelt sich um ein Versuchsatomkraftwerk und war der erste deutsche Hochtemperaturreaktor (HTR). Die Anlage diente der Stromerzeugung; es war kein Forschungsreaktor zur Neutronenproduktion.

Das AKW verfügte über einen sogenannten Kugelhaufenreaktor mit einer elektrischen Nettoleistung von 13 Megawatt. Die thermische Leistung betrug 46 MW. Der Reaktor hatte eine Mittlere Leistungsdichte von 2,6 MW/m³. Der Reaktorkern hatte eine Höhe von 2,8 Metern und einen Durchmesser von 3 Metern.
Als Brenn- und Brutstoff dienten Uran-235 und Thorium-232. Als Moderatormaterial diente Graphit, als Kühlmittel Helium.
Die Mittlere Brennstofftemperatur betrug 642°C, die maximale Brennstofftemperatur 1041 °C.
Die Eintrittstemperatur des Kühlmittels lag bei 275°C, die Mittlere Gasaustrittstemperator bis 720°C (bis 1970, bis 760°C (1970 bis 1974), bis 950°C (1974 bis 1986), bis 810 °C (1986 bis 1988) bei einem Druck von 10,8 bar. Die Frischdampftemperatur lag bei 505°C.
Der Reaktordruckbehälter war aus Stahl hatte eine Höhe von 24,9 Metern und einen Durchmesser von 5,8 Metern.

Kugelhaufenreaktoren arbeiten nicht mit Wasser als Moderator und Kühlmaterial. Der Uranbrennstoff wird von Grafitkugeln in Position gehalten. Dazwischen weht ein Helium-Gasgemisch zur Kühlung. Dieses wird auf 950 bis 1000°C aufgeheizt um dann damit Turbinen zu betreiben. Helium hat den Vorteil dass es im Gegensatz zu Wasser nicht nennenswert radioaktiv kontaminiert werden kann. Zudem kann der Kugelhaufenreaktor sich seinen Uran-Brennstoff teilweise selbst aus Thorium erbrüten. Das radioaktive Metall Thorium hätte "theoretisch" den Vorteil dass es ein Vielfaches der Energieeffizienz liefern könnte und im Vergleich zu Uran häufiger vorkommt.

Angaben zu den Baukosten schwanken zwischen 85 und 125 Mio DM (aufsummiert während der Bauzeit, ohne Inflationsausgleich).

Betreiber und Eigentümer war die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH, ein Konsortium von 15 kommunalen Elektrizitätsunternehmen. 

Das AVR basiert auf einem Konzept („Daniels pile“) von Farrington Daniels, dem Erfinder von Kugelhaufenreaktoren. Als geistiger Vater der AVR wird häufig Rudolf Schulten bezeichnet.

Der AVR war ursprünglich nur als Versuchsreaktor gedacht, der die prinzipielle Machbarkeit von Kugelhaufenreaktoren demonstrieren sollte. Da der als Prototyp eines Kugelhaufenreaktors konzipierte größere THTR-300 aber spektakulär scheiterte, wird der AVR bis heute von den Befürwortern der HTR-Technik als angeblich erfolgreiche Referenzanlage eines Kugelhaufenreaktors vermarktet. Alle derzeitigen Kugelhaufenreaktorprojekte und -konzepte basieren demgemäß in wesentlichen Teilen auf dem AVR. Aus Sicht der Kugelhaufen-HTR-Befürworter gilt: AVR ist d a s Synonym für plausible atomare Sicherheit; er ist die Referenzanlage transparenter Sicherheitstechnik für die nächste Generation von Atomkraftwerken. Deshalb ist die Aufklärung der AVR-Historie und die Bestätigung einiger der von Kritikern vermuteten generischen Probleme von Kugelhaufenreaktoren durch die AVR-Expertengruppe von großer Bedeutung.

Kugelhaufenreaktoren haben den prinzipiellen Nachteil, dass zeitnahe Messungen im Reaktorkern nicht vorgenommen werden können - anders als in konventionellen AKW. Soweit das Störfallgeschehen den AVR-Kern betraf, konnte es nur mit zeitlicher Verzögerung und nur ungenau detektiert werden. Nach Meinung von Kritikern wurde und wird dieser Umstand dazu benutzt, Störfälle zu verheimlichen oder zu verschleiern.

Geschichte

1959. Die "Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH" (AVR GmbH) wird unter der Führung der Stadtwerke Düsseldorf gegründet. Beteiligt sind 15 kommunale Elektrizitätsversorgungsunternehmen. Es soll die Machbarkeit und Funktionsfähigkeit eines gasgekühlten, graphit-moderierten Hochtemperaturreaktors demonstriert werden. 
Zur Unterstützung des AVR durch die Kernforschungsanlage Jülich des Landes Nordrhein-Westfalen e. V. (KFA - ab 1990 umbenannt in Forschungszentrum Jülich GMBH (FZJ)) gehört auch die Beschaffung und die Rücknahme der Brennelementkugeln: KFA/FZJ war und ist Besitzer der AVR-Brennelemente. In Verträgen zwischen AVR GmbH und KFA werden Einzelheiten des AVR-Betriebs festgelegt. Außerdem wird der AVR-Betrieb vom KFA wissenschaftlich begleitet.

1961. Baubeginn des AVR durch BBC und Krupp. Die AVR-Planung sowie der Bau erfolgen auf fast rein industrieller Basis, bis 1964 unter Leitung von Rudolf Schulten. Es gibt finanzielle Unterstützung des Bundes. Die Voraussetzungen zum Bau des AVR werden wesentlich von Leo Brandt geschaffen.

1964. Rudolf Schulten, der "geistige Vater" des Versuchsreaktors AVR wird Institutsleiter des KFA. Daraufhin beginnt sich das Atomforschungzentrum verstärkt dem Kugelhaufenreaktor zu widmen.

1966. Der Reaktor wird erstmals kritisch. In den ersten Jahren wird der AVR mit Kühlgasaustrittstemperaturen von 650 °C bis 850 °C betrieben.

1967. Das AKW speist erstmals Strom in das öffentliche Stromnetz.

1967 bis 1973. Es gelangt Tritium in die Umgebung, weil der Tritiumfilter nicht funktionsfähig ist. Konkrete Emissionswerte werden nicht veröffentlicht. Die Tritiumproduktion im AVR ist wegen Lithiumverunreinigungen in einigen Komponenten (Kohlestein) ungewöhnlich hoch, sodass es zu erheblichen Emissionen gekommen sein könnte.

19. Mai 1969. Das AKW geht in den kommerziellen Leistungsbetrieb.

Ab ca. 1970. Das Atomforschungszentrum Jülich zahlt hohe Betriebskostenzuschüsse an die AVR GmbH, um den Weiterbetrieb zu sichern, weil der im AVR erzeugte Strom nur einen kleinen Teil der Betriebskosten deckt. 

11. Februar 1971. Nachdem ein Leck in einer Ölleitung nur provisorisch abgedichtet worden ist kommt es zu einem umfangreichen Turbinenölbrand.

10. Mai 1971. Es kommt zu einem Lufteinbruch (100 Kubikmeter).

7. September 1971. Es gelangen 50 Liter korrosive Salzsäure in das Speisewasser des Sekundärkreislaufs.

1973 bis 1978. Aus dem AKW wird Atommüll im Versuchsendlager Asse-II eingelagert. Insgesamt 101 Fässer mit ca. 50.000 bis 55.000 bestrahlten AVR-Graphitkugeln ohne Atombrennstoff (nur die Anzahl der Fässer wird dokumentiert, die darin insgesamt enthaltene Kugelzahl wird vom FZJ nachträglich im Jahr 2010 geschätzt) und 8 Fässer, die unter anderem in Forschungsreaktoren testweise bestrahlte AVR-Brennelementkugeln enthielten (Anzahl der Brennelementkugeln noch unbekannt), werden bereits 1973–78 im Versuchsendlager Asse eingelagert. Die eingelagerten AVR-Graphitkugeln enthalten weit mehr Tritium und langlebiges 14C als in der Asse zulässig ist. Dieses deklariert Jülich bei der Einlagerung jedoch nicht korrekt, sondern entsorgt die Graphitkugelgebinde als schwachradioaktiv in der Asse.

1. Juli 1973. Es wird „Erhöhte Ableitung von radioaktivem Tritium in die Atmosphäre“ als meldepflichtiges Ereignis beim Bundesamt für Strahlenschutz registriert.

1974. Es wird  entdeckt, dass aufgrund fehlender Strahlenabschirmung nach oben (ein schwerer Auslegungsfehler der BBC) erhebliche Strahlenbelastungen durch Skyshine (an Luft reflektierte Gammastrahlen und Neutronen) bis ca. 100 m außerhalb des Zauns auftraten. Innerhalb des Geländes werden Gesamtdosisraten von mehr als 10 mSv pro Jahr, am Zaun bis 4 mSv/a gemessen. Auf dem Dach des Reaktors betragen die Dosisleistungen sogar bis 2 mSv/h, also 17 Sv/a. 

Ab 1974. Es wird klar, dass die ursprünglich geplante Wiederaufarbeitung der AVR-Brennelemente in der Jülicher Anlage JUPITER nicht durchführbar sein ist und keine ausreichenden Lagermöglichkeiten für die anfallenden abgebrannten Brennelemente vorgesehen sind. Jülich versucht daher eine Entsorgung durch Einlagerung in das Versuchsendlager ASSE II zu erreichen.

Februar 1974 bis Ende 1987. Der Reaktor wird mit Kühlgasaustrittstemperaturen von nominell bis 950 °C betrieben. Die letztgenannten hohen Temperaturen werden in Jülich als Weltrekord für Atomanlagen bezeichnet, wurden aber im US-amerikanischen Testreaktor UHTREX weit übertroffen. Sie sollten die AVR-Eignung für Kohlevergasung demonstrieren und damit zu einer längerfristigen Perspektive für die Kohleförderung in NRW beitragen. Der geplante elektrische Wirkungsgrad von 38 % konnte trotz der erzielten hohen Gastemperaturen nicht erreicht werden (realer Wirkungsgrad brutto 32 %, netto 29 %), vermutlich aufgrund von Gasbypässen um den Dampferzeuger. 

1975. Erst nachdem die Aufsichtsbehörde Mitte mit Stilllegung des Reaktors droht, werden provisorische Abschirmmaßnahmen ergriffen, mit denen die Neutronenstrahlung bis auf die Hälfte reduziert werden kann. Wegen der verbleibenden Belastung muss ein Teil des Forstes außerhalb des AVR-Geländes für die Öffentlichkeit gesperrt werden.

6. Oktober 1975. Jülich beantragt für die angefallenen abgebrannten Brennelemente eine Einlagerungsgenehmigung.

Mitte der 1970er Jahre. 3 Mio DM Stromerlös pro Jahr stehen Betriebskosten ohne Brennstoffver- und entsorgung von 11 Mio DM pro Jahr gegenüber.
Als vermutliche Folge des Lufteinbruchs von 1973 kommt es  zu Brennelementschäden (sogenannter Pellkartoffeleffekt).

Erstes Halbjahr 1976. Die Freisetzung von Cäsium und Strontium aus den Brennelementen in den Kühlkreislauf steigt um mehr als das Tausendfache an. Eine befriedigende Erklärung dafür gibt es nicht. Von Seiten kritischer Beobachter wird ein bisher verheimlichter Störfall vermutet, bei dem der Reaktor aufgrund zu hoher Spaltstoffkonzentrationen im äußeren Kernbereich nicht hinreichend unter Kontrolle war, was zu sehr hohen Temperaturen führte. 

4. März 1976. Die Genehmigung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und des Oberbergamtes Clausthal zur Einlagerung von 100.000 AVR-Brennelementen mit einer Gesamtaktivität von maximal 81.000 TBq in der Asse wird rechtskräftig.

1977. Es werden überhitzte Kernbereiche vermutet. Dem Problem wird jedoch erst 10 Jahre später nachgegangen.

28. März 1977. Der AVR wird durch übermäßige Abkühlung des Kugelhaufens bei abgeschalteten Reaktor trotz vollständig eingefahrener Abschaltstäbe ungewollt kritisch; es gelingt, ihn schadlos in einen kontrollierbaren Zustand zurückzuführen. 

13. bis 22. Mai 1978. Infolge eines Lecks im Überhitzerteil des Dampferzeugers 27,5 t tritt Wasser in den He-Primärkreislauf und damit in den Reaktorkern ein. Die Betriebsmannschaft manipuliert daraufhin illegal das Reaktorschutzsystem um die Notabschaltung des Reaktors zu verhindern. Dieser wird erst 6 Tage nach dem Beginn des Störfalls heruntergefahren.
Dieser Störfall wird nur als (derzeit niedrigste) Kategorie C (keine oder nur geringe sicherheitstechnische Bedeutung) deklariert, obwohl er wegen des positiven Reaktivitätseffekts des Wassers (Möglichkeit einer prompten Überkritikalität des Reaktors) und der möglichen chemischen Reaktion des Wassers mit dem Graphit mit Bildung explosionsfähiger Gase einer der gefährlichsten Störfälle für einen Hochtemperaturreaktor ist. 
Der Störfall bleibt wahrscheinlich nur deshalb ohne schwere Folgen, weil der Kern nur Temperaturen unter 500 °C aufweist und weil das Leck klein bleibt. Trotzdem muss der Reaktor fast ein Jahr lang durch das Fahren mit verringerter Temperatur „getrocknet“ werden, um die mit Spaltprodukten kontaminierten Wasserreste zu entfernen. Unter dem Reaktor befindet sich seitdem durch den Störfall radioaktiv belastetes Erdreich und Grundwasser. Durch den Störfall wird das Fundamentkammerwasser, welches mit der Umgebung in direktem Kontakt steht, mit 90Sr und Tritium erheblich radioaktiv kontaminiert. Während Strontium noch im Bereich des Reaktors vorhanden ist, hat sich Tritium vermutlich (dies ist nicht mehr nachvollziehbar) mit dem Grundwasser entfernt. Die Aktivität an Tritium im Störfallwasser war um einen Faktor von 70 bis 300 höher als diejenige von Strontium. 
Diese Grundwasserkontamination durch Tritium beim AVR war nach Einschätzung von Rainer Moormann, früherer Mitarbeiter des FZJ, die bisher größte radioaktive Grundwasserkontamination durch eine zivile Atomanlage in Westeuropa. Infolge dieses Störfalles werden bei nachfolgenden Designs von Hochtemperaturreaktoren Vorkehrungen getroffen, die eine Flutung des Kerns mit flüssigem Sekundärkühlmittel verhindern sollen. Diese Vorkehrungen erhöhen aber das Risiko von Leckagen an der Primärkreisumschließung und damit von Lufteinbrüchen mit Reaktorbrand.

30. Juni 1978. Die Genehmigung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und des Oberbergamtes Clausthal zur Einlagerung von 100.000 AVR-Brennelementen mit einer Gesamtaktivität von maximal 81.000 TBq in der Asse läuft aus. Eine Genehmigung für weitere 60.000 AVR-Brennelemente wird beantragt. Die Kugelgebinde sollen dabei so zusammengesetzt sein, dass sie nach damaliger Rechtslage an der oberen Grenze von mittelaktivem Abfall liegen. Zur Einlagerung der AVR-Brennelemente in großem Umfang kommt es nur deshalb nicht, weil die Bevölkerung um die Asse sich unter Führung des stellvertretenden Landrates von Wolfenbüttel, Reinhold Stoevesandt, auf politischem und rechtlichen Wege, sowie durch öffentlichkeitswirksame Aktionen zur Wehr setzt. Die Einlagerung würde das radioaktive Inventar in der Asse vervielfachen.

31. Oktober 1980. Ein Abschaltstab klemmt bei einer testweisen Reaktorschnellabschaltung.

Bis 1982. Die Abbrandmessanlage im Reaktor, mit welcher der Restspaltstoffgehalt der entnommenen Kugeln bestimmt werden sollte, funktioniert faktisch nicht, danach nur unbefriedigend. Deshalb kann die Spaltstoffverteilung im Reaktor, die durch gezielte Rückführung von Kugeln geeigneten Abbrands in Rand- bzw. Innenbereich beeinflusst werden sollte, nur schlecht gesteuert werden.

1982. Es strömten 120 Liter Öl aus den Heliumgebläsen in den Hauptkühlkreislauf, wo sich durch Zersetzung des Öls große Mengen Ruß und Ablagerungen bilden. 

1984. Es zeigt sich, dass der Reaktorkern aufgrund eines Auslegungsfehlers bei der Kugelzugabeeinrichtung unsymmetrisch beladen wird, was eine Schieflast zur Folge hat. Beides dürfte zu erheblichen Abweichungen von vorgesehenen Betriebsparametern führen. Weil aber Kugelhaufenreaktoren nicht mit kontinuierlich arbeitenden Messeinrichtungen im Kern bestückt werden können, lassen sich keine genauen Angaben machen. Die Fehler der Abbrandmessung haben auch zur Folge, dass die Inhalte der einzelnen Castoren mit verbrauchten AVR-Brennelementen nur ungenau bekannt sind.

11. Juni 1987. Durch ein undichtes Entwässerungsventil des Sicherheitsbehälters gelangt Radioaktivität in die Umgebung.

1988. Nach Entdeckung von AVR-Kernbereichen mit stark überhöhten Temperaturen dürften im letzten Betriebsjahr allerdings Kühlgasaustrittstemperaturen von 810 °C nicht mehr überschritten werden, sodass die Eignung zur Kohlevergasung in Zweifel gezogen werden muss. Die geplante Umwandlung des AVR in eine Anlage zur Kohlevergasung wird nicht bewilligt, ebenso wenig wie der Bau eines fortgeschrittenen AVR-II in Jülich.

1988.  Die NRW-Landesregierung lässt ein (bis zum Jahr 2011) geheimes Sicherheitsgutachten anfertigen. Dieses benennt gravierende Sicherheitsmängel bei Kugelhaufenreaktoren – speziell beim AVR.
Dazu gehört vor allem das Risiko prompter Überkritikalitäten bei Störfällen mit Einbruch von flüssigem Wasser in den Kern bei kritischem Reaktor, welches eine katastrophale Zerstörung der Anlage zur Folge haben kann. Das Risiko prompter Überkritikalitäten wird von anderen Autoren bestätigt. In diesem Sicherheitsgutachten wird vom Tschernobyl-Syndrom des Kugelhaufenreaktors gesprochen und darauf verwiesen, dass die Betriebsmannschaft den AVR-Reaktor, als während des vorgenannten Störfalls von 1978 flüssiges Wasser in den Reaktor strömte, für drei Tage sogar dadurch atomar kritisch gemacht hat, indem sie das Reaktorschutzsystem unzulässig manipulierte. 
Obwohl es sich dabei um einen schwerwiegenden Vorgang handelte, wurde die AVR GmbH von der NRW-Atomaufsicht nur verwarnt. Des Weiteren kritisiert das Gutachten das unzureichende Abschaltsystem des AVR: Die außerhalb des Kugelhaufens installierten Abschaltstäbe allein reichten nicht zur Abschaltung aus, sondern es müsste zusätzlich über einen elektrisch beheizten Hilfskessel eine Mindesttemperatur von 130 °C im Reaktorkern aufrechterhalten werden, oder es müssten einige tausend Brennelemente entnommen werden, um unkontrollierte Rekritikalität zu verhindern. Der AVR ist völlig unzureichend gegen Flugzeugabsturz und terroristische Angriffe geschützt. Vermutlich trägt dieses Sicherheitsgutachten wesentlich zur Entscheidung bei, den Reaktor Ende 1988 stillzulegen.

31. Dezember 1988. Das AKW wird abgeschaltet. Insgesamt produzierte er rund 1,7 Milliarden Kilowattstunden Strom (brutto) und speiste 1,5 Milliarden Kilowattstunden Strom ins öffentliche Netz ein. 
Das Stillegungskonzept wird in den Folgejahren von „Sicherer Einschluss“ über „Entkernung“ in „vollständiger Abbau“ geändert.

1988 bis 2003. Man geht beim Rückbau von nur 39 Mio DM aus. Dies entspricht etwa den Rücklagen der Betreiber für die Entsorgung. Es stellt sich aber bald heraus, dass die Entsorgungskosten erheblich höher sein werden und die Finanzkraft der AVR-Eigentümer und -gesellschafter übersteigen würden. Zudem können die AVR-Gesellschafter wegen der Rechtsform des AVR als GmbH nicht über Haftungsdurchgriff zur Kostenübernahme gezwungen werden.
Der Steuerzahler (Bund (90 %) und das Land NRW (10 %)) übernehmen die Entsorgungskosten schon in der ersten Rückbauphase. In dieser Zeit, also vor der Übernahme des AVR durch die Energiewerke Nord, fallen bereits Rückbaukosten von 200 Mio Euro an, ohne dass entscheidende Fortschritte erzielt werden können. Diese älteren Kosten sind in aktuellen Kostenaufstellungen der EWN in der Regel nicht enthalten, was zu gelegentlichen Fehlinterpretationen bezüglich der Gesamtkosten führt. 

1990. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) legt eine Rückschau zum Versuchsbetrieb des AVR aus Sicht der Befürworter dieser Technologie vor. Nach Einschätzung von Kritikern entspricht der Zustand des AVR zu Betriebsende dem eines havarierten Reaktors mit Kernschaden - als einziger Reaktor in Deutschland. Die Strontiumkontamination im Reaktorbehälter ist danach vergleichbar derjenigen des Katastrophen-Reaktors von Three Mile Island nach dessen Kernschmelze.

1990. In den Jülich benachbarten Orten Titz und Niederzier kommt es zu einem signifikanten Anstieg von Leukämieerkrankungen bei Kindern. Das FZJ schließt radioaktive Emissionen aus FZJ und AVR als Ursache aus. Die Aufarbeitung des AVR-Wassereinbruchstörfalls von 1978 sowie des AVR-Betriebs deutet jedoch darauf hin, dass unkontrollierte radioaktive Tritiumemissionen vor allem über das Grundwasser in großem Umfang vorgekommen sein könnten. Vor 1995 gab es weder an den Grundwassermessstellen noch in den Wasserwerken Analysen auf Tritium, sodass die damalige Tritiumbelastung der Bevölkerung nicht mehr eindeutig nachvollziehbar ist. Ein kausaler Zusammenhang zwischen den Leukämiefällen und den Tritiumemissionen wäre zwar noch nicht ableitbar, allerdings geriete der Ausschluss von radioaktiven Emissionen aus AVR/FZJ als Verursacher der Leukämie ins Wanken. Die AVR-Expertengruppe schließt einen Zusammenhang zwischen Leukämiefällen und AVR-Betrieb weitgehend aus. Kritiker verweisen jedoch weiter auf die früher unzureichende Wasserüberwachung und die Unsicherheiten bezüglich der Emissionen.

Ab 1993. In einem Zwischenlager auf dem FZJ-Gelände werden etwa 290.000 verbrauchte Brennelementekugeln in 152 Castor-Behältern gelagert.

1999. Es wird entdeckt, dass der AVR-Bodenreflektor, auf dem der Kugelhaufen ruht, im Betrieb zerbrochen ist und dass sich etwa einige hundert Brennelemente im gebildeten Riss verklemmt haben bzw. als Bruchstücke hindurchgefallen sind. Diese Brennelemente können großenteils nicht entfernt werden. Zu eventuellen sicherheitstechnischen Auswirkungen dieses Ereignisses gibt es keine Untersuchungen.
Der ehemalige leitende Mitarbeiter des damaligen Bau-Konsortiums Urban Cleve, welcher (Stand 2013) mit der umstrittenen LaRouche-Bewegung eng zusammenarbeitet, verweist hingegen auf den ursprünglichen Sicherheitsbericht, der diese Störfälle bereits mit betrachtet habe; er verneint jegliche Gefährdung. Auf Tagungen, unter anderem der LaRouche-Bewegung, behauptete Cleve weiterhin, im AVR-Reaktor sei absichtlich zweimal der GAU bzw. sogar der Super-GAU herbeigeführt worden, ohne dass etwas passiert sei.
Moormann hält dem entgegen, dass im AVR zwar bei laufendem Reaktor die Kühlung gedrosselt sowie die Abschaltstäbe nicht eingefahren worden seien, und der Reaktor sich für einen begrenzten Zeitraum selbsttätig abgeschaltet habe; dieses Experiment sei aber nur bei kleinen Versuchs-Kugelhaufenreaktoren (wie AVR oder HTR-10) mit sehr niedriger Leistung und Leistungsdichte durchführbar, nicht jedoch bei kommerziellen Kugelhaufenreaktoren, da es dann zu schwersten Schäden käme. Außerdem sei der von der Aufsichtsbehörde definierte GAU beim AVR keineswegs das von Cleve genannte Szenario, sondern ein massiver Wassereinbruchstörfall in den unter Volllast laufenden Reaktor. Die erheblichen Folgen des realen Wassereinbruchs von 1978 im AVR zeigen Moormanns Ansicht nach, dass der GAU beim Kugelhaufenreaktor keinesfalls harmlos ist. Verstärkt gälte das für den Super-GAU, also etwa den Graphitbrand. Cleve hat die Konzepte von Kugelhaufenreaktoren, wie sie in Südafrika und China entwickelt wurden, als wenig erfolgversprechend bezeichnet.

1999. In vom Reaktor abgeführten Regenwasser wird Radioaktivität entdeckt. Irgendwann früher muss es daher zu einer "lokalen, aber hohen Strontium-90-Kontamination des Bodens" und möglicherweise des Grundwassers gekommen sein.

2000. Die Betreiber räumen ein, dass die β-Kontamination (90Sr) des AVR-Reaktors sogar die höchste aller Reaktoren und Nuklearanlagen weltweit ist und zudem noch in der ungünstigsten Form, nämlich staubgebunden vorliegt. Ebenfalls außergewöhnlich hoch und hinderlich bei der Entsorgung ist der Gehalt an langlebigem 14C, welcher durch umfangreiche Verwendung verunreinigten, aber billigen Kohlesteins statt Graphit und durch einen sorglosen Umgang mit Stickstoff im Reaktorbetrieb entstand (s. hier), sowie an 137Cs, 60Co und Tritium.

Bis 2003. Der Rückbau des AVR ist außergewöhnlich schwierig, langwierig und teuer. Die AVR wird deshalb in das bundeseigene Rückbau-Unternehmen Energiewerke Nord (EWN) integriert, welches sich auf schwierige Rückbauprobleme spezialisiert hat. Damit wird die öffentliche Hand formal Eigentümer des AVR und seines Atommülls und der Steuerzahler zuständig für Rückbau und Entsorgung. Die Kostenübernahme wird auf 70 % Bund und 30 % NRW geändert.
Vorausgegangen war dem ein Gutachten des Bundesrechnungshofs, welches massive Kritik am mangelnden Fortschritt des AVR-Entsorgungsprojekts 1989–2002 unter Jülicher Leitung übte und andere Projektverantwortliche als FZJ und AVR empfahl. Der EWN-Vorstandsvorsitzende sieht mit dem AVR-Abriss eine der bisher schwierigsten Aufgaben auf seine Firma zukommen. Derzeit laufen Vorbereitungen für die vollständige Beseitigung der Anlage.
Die Rückbaukosten werden diejenigen des AKW Stade, welches die 40-fache Leistung aufwies und etwa die 100-fache Strommenge erzeugte, deutlich übersteigen: Das 2002 stillgelegte AKW Stade wird bis 2015 mit Kosten von unter 500 Millionen Euro zurückgebaut.

2006. Es wird eine 60 × 40 Meter große Materialschleuse aus Stahl vor dem Reaktorgebäude errichtet, um das Ausschleusen des Reaktorbehälters zu ermöglichen.

Ende 2006. Es wird ein Antrag zur Einlagerung von mittel- und schwachradioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken im atomaren Zwischenlager Ahaus gestellt.

2008. Eine 51-seitige Expertenstudie von Rainer Moormann (FZJ-Sicherheitsforscher ) beschreibt die Risiken des deutschen Kugelhaufen-Reaktors und kommt zu dem Ergebnis, dass die Betreiber des AVR-Kugelhaufenreaktors nur knapp an einer Katastrophe „vorbeigeschlittert“ sind.
Die übermäßig starke radioaktive Kontamination des Reaktors der Studie nach auf eine unzureichende Überwachung des Reaktorkerns sowie auf einen länger andauernden Betrieb bei unzulässig hohen Temperaturen zurückzuführen. Dies hat demnach u. a. dazu geführt, dass Spaltprodukte aus den Graphitkugeln austreten konnten. Moormann betont, dass es sich dabei um inhärente Probleme von Kugelhaufenreaktoren handelt (also nicht nur um ein AVR-Problem) und stellt die Frage, ob das Kugelhaufenprinzip überhaupt machbar bzw. verantwortbar ist.
In Deutschland ist diese Technik nach den Debakeln in Jülich 1967 bis 1988 und Hamm tot. Der Bericht von Moormann bricht ihm wohl auch weltweit endgültig das Genick. Die Einlassungen von Rainer Moormann werden von Kugelhaufenbefürwortern überwiegend als destruktiv angesehen.
Nach der Veröffentlichung der Studie wird der Chemiker, der 35 Jahre im Forschungszentrums Jülich gearbeitet hatte, versetzt. Ihm wird offenbar ein Team weggenommen. Er wird zu keinen Besprechungen mehr eingeladen und Dienstreisen werden ihm verweigert. 3 Mal wurde ihm wohl auch schriftlich bescheinigt dass er verrückt wäre.
Für die Publikation dieser Probleme unter Inkaufnahme damit verbundener beruflicher Nachteile erhält der Rainer Moormann den Whistleblowerpreis 2011.
Das Darmstädter Öko-Institut bezeichnet den AVR-Reaktor als einen der „problematischsten Reaktoren weltweit“. 

2008. In Fachkreisen wird diskutiert, aus Kostengründen eventuell nicht das gesamte Erdreich vollständig zu reinigen, sondern nur die oberen Schichten. Für die tieferen Schichten soll ggf. nur durch Rechnungen gezeigt werden, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Dabei spielt eine Rolle, dass eine ausreichende Zahl von Analysen zum Nachweis der Strontiumbeseitigung mit unvertretbar hohem Aufwand verbunden wäre. Das wäre zwar rechtlich zulässig, stünde aber in Widerspruch zu öffentlichen Versprechungen von AVR/EWN. In diesem Zusammenhang sind auch die niedrigen Eingreifrichtwerte für Strontium in Wasser (3 Bq 90Sr/l) und für Bodenoberflächen nach Strahlenschutzverordnung (2 Bq 90Sr/kg Boden) zu berücksichtigen. Nach Auffassung von Kritikern bleibt der AVR-Standort damit trotz Sanierung langfristig eine radioaktive Altlastfläche.

Ab 2008. Im Versuchsendlager ASSE II fällt das unzulässig hohe Radioaktivitätsinventar durch ausgasendes Tritium auf, und das FZJ muss Nachmeldungen für die in die Asse entsorgte Radioaktivität vornehmen. Damit erhöht sich das insgesamt bekannte Tritiuminventar der Asse um mehr als den Faktor 10.

November 2008. Der Reaktorbehälter wird nicht zerlegt, da das wegen seiner hohen Kontamination für die nächsten Jahrzehnte als praktisch unmöglich gilt. Statt dessen wird er mit 500 Kubikmeter Porenleichtbeton verfüllt, um so die radioaktiv hoch kontaminierten Graphitstaubteilchen zu fixieren und den Behälter zu stabilisieren. Dieses Verfahren haben die Energiewerke Nord bei der Sicherung maroder russischer Atom-U-Boote bei Murmansk bereits vielfach erprobt.

2009. Laut aktuellen Zeitplänen sollen bis zum Jahr 2015 die Rückbauarbeiten beendet und der Zustand „Grüne Wiese“ hergestellt sein, während der Reaktorbehälter 200 m entfernt für mindestens 60 Jahre zwischengelagert wird.

Ab 2009. Die Zwischenlagerung von 152 Castoren mit AVR-Brennelementen im FZJ-Castorenlager führt zu Kontroversen.

Ende September 2009. Die GNS beantragt die Einlagerung von 152 Behältern mit hochradioaktiven Kugelbrennelementen aus dem AVR Jülich in Ahaus.

November 2009. Der Antrag für zur Einlagerung von mittel- und schwachradioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken im atomaren Zwischenlager Ahaus von Ende 2006 wird genehmigt. Grundsätzlich kann der Atommüll aus allen deutschen AKWs kommen. Mit Sicherheit ist mit Transporten der GNS aus Jülich, Karlsruhe und Duisburg zu rechnen.

11. November 2009. Die Bezirksregierung Münster erteilt drei Genehmigungen für Transporte ins Zwischenlager Ahaus, die von der Gesellschaft für Nuklear-Service mbH an die zuständigen Behörden gestellt wurde.

20. Dezember 2009. Atommülltransporte nach Ahaus verzögern sich angeblich teilweise. Die Abfälle aus Jülich bis 2011, die aus La Hague bis 2015.

Ab 2010. Das FZJ beabsichtigt, die Castor-Behälter (per LKW oder Bahn) in das Zwischenlager Ahaus zu überführen. Das führt zu massiven Protesten in ganz NRW. Auch in Jülich bildet sich eine Bürgerinitiative gegen diese Pläne.

2010. Das FZJ rechtfertigt die Einlagerung in das Atomlager ASSE II von AVR-Graphitkugeln mit weit mehr Tritium und langlebiges 14C als deklariert worden war damit dass man bei der Einlagerung Tritium und 14C noch nicht habe messen können. Später werden jedoch Dokumente bekannt, die belegen, dass Jülich vor der Asse-Einlagerung seines Atommülls genaue Kenntnisse über dessen hohes Aktivitätsinventar hatte und deshalb möglicherweise gezielt und in großem Umfang unzulässige Einlagerungen in die Asse vorgenommen hat. Darüber hinaus gibt es den Verdacht, dass zerbrochene AVR-Brennelemente in die Asse verbracht worden sein könnten, möglicherweise als Inhalt der vorgenannten 8 Fässer mit mittelaktivem Abfall. Bereits während der Einlagerung in die Asse war Jülich bei Stichproben durch falsch deklarierte Fässer aufgefallen.

Januar 2010. Das FZJ muss Nachmeldungen zu dem in die Asse eingebrachten Atommüll aus dem AVR vornehmen. 


2011. Der 2100 Tonnen schwere Reaktorbehälter sollte nach ursprünglichen Planungen in diesem Jahr mittels sieben Kränen aus seiner Position gehoben werden und  mit einem Vielrad-Transportschlitten zur Zwischenlagerung über einige Umwege in eine 300 Meter entfernte, neu errichtete Halle transportiert werden, damit der mit 90Sr radioaktiv kontaminierte Boden bzw. das Grundwasser unter dem Reaktor gereinigt werden können.

Januar 2011. Die AVR GmbH beantragt eine Änderung der Transportgenehmigung des Reaktorbehälters, mit dem Ziel, statt eines Luftkissenschlittens ein Vielradfahrzeug verwenden zu dürfen. Da dieses ferngelenkt werden könnte und die Transportzeit verringert würde, erhofft man sich davon eine Verkleinerung der Strahlenbelastung. Kosten für den ursprünglich bis 2015 zu beendenden Teilrückbau werden von der Bundesregierung auf mehr als 600 Millionen Euro geschätzt.

März 2011. Erst unmittelbar nach Beginn der Atomkatastrophe von Fukushima setzen das FZJ und die AVR GmbH eine unabhängige Expertengruppe ein, welche die Historie des AVR aufarbeitet und insbesondere zu den Enthüllungen von Moormann Stellung nimmt.

April 2011. Durch eine kleine Anfrage der Grünen wird bekannt, dass 2285 radioaktive Brennelementekugeln abhanden gekommen sein sollen. Das führt zu einem erheblichen Medienecho in ganz Deutschland und wird unter dem Namen „Atomkugelaffäre“ bekannt. Die NRW-Wirtschaftsministerin Svenja Schulze vermutet, dass diese Brennelementekugeln ebenfalls in das Versuchsendlager Asse gebracht worden sein könnten. Dies wäre jedoch nicht mehr nachvollziehbar, weil die im Versuchsendlager „eingelagerten Mengen nicht bekannt sind“. Es wird weiterhin berichtet, dass im Versuchsendlager Asse keine Brennelemente eingelagert werden durften, da es nur für die Lagerung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle zugelassen ist.
Das Forschungszentrum widerspricht den Vorwürfen zu fehlenden Brennelementen und versichert, dass der Bestand an Brennelementkugeln "bis auf das Milligramm genau" dokumentiert sei. Harry Voigtsberger (SPD), Wirtschaftsminister im Kabinett Kraft I, räumt eine fehlerhafte Kommunikation seitens der Landesregierung ein und sagt: „Für die Atomaufsicht des Landes ist entscheidend, dass keine Menge spaltbaren Materials fehlen.“

April 2011. Professor Allelein (Leiter der Reaktortechnik an der RWTH Aachen und am Forschungszentrum Jülich) erklärt in diesem Jahr mehrfach dass die Reaktoren in Tihange und der AVR sicher wären. Eine grenzüberschreitende Bürgerinitiative engagiert sich dagegen mit wissenschaftlicher Unterstützung gegen das ihrer Einschätzung nach unsichere Atomkraftwerk.

Mitte Juli 2011. Es konstituierte sich ein Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zur Klärung der Fragen um die möglicherweise verschwundenen AVR-Brennelemente. Im Ausschuss werden Dokumente bekannt, die belegen, dass es in Jülich zu Verwechselungen von AVR-Brennelementekannen gekommen ist und dass Stichproben einen anderen Inhalt von Brennelementekannen ergaben als deklariert. Des Weiteren wird deutlich, dass eine genaue Dokumentation zum Verbleib einiger tausend bestrahlter Brennelemente, die zu Versuchszwecken oder im Reaktor zerstört worden waren, nicht existiert.
Nur ungenau bekannt ist außerdem die Zahl der Brennelemente, die nicht aus dem Reaktor entfernt werden konnte (s. Störfälle). Sowohl von Landesministerien als auch von Vertretern des Bundesforschungsministeriums wird vor dem Untersuchungsausschuss ein nachlässiges "nonchalantes" Vorgehen des Forschungszentrums Jülich bei der Dokumentation der Kugeln gerügt, welches damit letztlich zur Unsicherheit beim Verbleib der Kugeln geführt habe. Ein im Ausschuss gesichtetes internes AVR-Dokument zur Spaltstoffbuchführung von AVR und FZJ für die IAEA schlussfolgert: Die vorstehenden Ausführungen…mögen den Eindruck erwecken, als sei die Brennelementerkennung am AVR ein einziges Chaos gewesen. Es ist aber zu bedenken, dass der AVR-Reaktor der erste seiner Art war….
Insgesamt findet der Ausschuss zwar keine Belege für ein Verbringen von 2285 AVR-Brennelementen in die Asse, wohl aber für einen unangemessen sorglosen Jülicher Umgang mit den Brennelementen. Wegen der vorgezogenen NRW-Landtagswahlen 2012 endet der Untersuchungsausschuss ohne Abschlussbericht. Da die wesentlichen Aspekte aufgeklärt sind, wird auch von der Opposition aus CDU und FDP, die diesen Ausschuss ins Leben gerufen hat, auf eine Wiedereinsetzung in der neuen Legislaturperiode verzichtet.

30. November 2011. Der Aufsichtsrat des Forschungszentrums Jülich entscheidet sich dazu, Atommüll aus dem ehemaligen Forschungsreaktor Jülich (Thorium- / Kugelhaufenreaktor) bei Aachen ungefähr 200 Kilometer weit ins Zwischenlager Ahaus zu verschieben.

2012. SPD und Grüne schreiben in ihrem Koalitionsvertrag fest, dass die 152 Castorbehälter von Jülich "nur noch einmal transportiert werden" - zu einem Endlager, nachdem ein Standort gefunden wurde.

März 2012. Es wird bekannt, dass die Genehmigung zur Einlagerung in Ahaus nicht rechtzeitig erteilt werden kann, da die Qualität der Antragsunterlagen aus Jülich unzureichend ist. Das FZJ beschliesst, einen Antrag auf Verlängerung des Jülicher Lagers bis 2016 zu stellen.

Juli 2012. Es werden Planungen des FZJ öffentlich, die AVR-Castoren wegen des außerordentlich großen Entsorgungsaufwandes in die USA zu verklappen. Oliver Krischer (Die Grünen) und das Anti-Atom-Aktionsbündnis STOP Westcastor sprechen sich dafür aus die Option "Aus den Augen aus dem Sinn" ernsthaft zu prüfen.
Hintergrund ist die Bereitschaft der USA, aus Proliferationssicht problematischen Atombrennstoff zurückzunehmen, wenn er aus den USA geliefert wurde. Das gilt vor allem für typisch niedrig abgebrannte Brennstoffe aus Materialtestreaktoren, deren verbrauchte Brennelemente noch größere Mengen an hochangereichertem Uran (highly enriched Uranium, HEU) enthalten.
Damit beabsichtigt die US Energiebehörde, HEU im zivilem Handel zu reduzieren und schließlich vollständig zu entfernen, indem sie das aus den USA stammende HEU in Brennstoffen aus Deutschland entfernt und zur sicheren Lagerung zurück in die USA bringt, wo es in eine Form umgewandelt wird, in der es nicht mehr für Atomwaffen oder anderes improvisiertes Gerät zur Verbreitung von nuklearem Material genutzt werden kann.
Bei den relativ hohen Abbränden des AVR-Brennstoffs ist es allerdings fraglich, ob überhaupt noch ein wesentliches Proliferationsrisiko vorliegt und ob dieses Argument eventuell nur zur Rechtfertigung eines Atommüllexports vorgeschoben wird. Dafür spricht auch, dass der AVR – obwohl der Bestimmung nach und in den Einordnungen von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und BfS kein Forschungsreaktor sondern ein Versuchs-AKW – vom FZJ seit 2012 als Forschungsreaktor bezeichnet wird.
Hintergrund dürfte sein, dass gemäß EU-Richtlinie Atommüllexport nur für Forschungsreaktoren, nicht aber für Versuchs-AKW zulässig ist (außer zur Wiederaufarbeitung, die nach deutschem Recht für AKW aber nicht zulässig ist). Ein unstrittig höheres Proliferationsrisisiko haben die nur niedrig abgebrannten Brennelementkugeln aus dem THTR-300, die sich in Ahaus befinden.
Verhandelt wird offenbar auch über die Annahme von weiteren 305 Castoren mit 605.000 Graphitkugeln aus dem THTR-300 in Hamm.

November 2012. Der Aufsichtsrat des FZJ beschließt auch formal, auf die bis Mitte 2013 geplante Verlagerung der Castoren nach Ahaus zu verzichten und mit den Planungen für ein neues Zwischenlager in Jülich zu beginnen. An den Transportplänen in die USA als Alternative wird aber mit hoher Priorität festgehalten. Die 152 Castoren enthalten fast den gesamten Brennelement-Atommüll der AVR-Elektrizitätserzeugung (1,5 Mrd. kWh); diese Elektrizitätserzeugung entspricht jedoch nur knapp einem aktuellen deutschen Tagesbedarf (2011). Das unterstreicht das außerordentlich hohe Aufkommen an radioaktivem Abfall bei Kugelhaufenreaktoren.

30. Juni 2013. Die Genehmigung für das Zwischenlager Jülich läuft aus weil ausreichende Sicherheitsnachweise nicht erbracht werden können und das Jülicher Castorenlager als einziges Deutsches Zwischenlager den sogenannten Stresstest nicht bestanden hat. Es wird aufgrund von befristeten atomrechtlichen Anordnungen der Düsseldorfer Aufsichtsbehörde nur noch befristet geduldet. Das FZJ muss monatlich über den Stand der Arbeiten zur Genehmigung berichten. 
Zudem befürchtet die FZJ-Aufsichtsratsmehrheit, dass der weitere Verbleib nuklearer Altlasten im FZJ dessen Ruf schaden könne.

November 2013. Das Forschungszentrum gibt nach erheblichen Protesten die Absicht auf, 152 Castoren mit abgebrannten AVR-Brennelementen nach Ahaus zu verlagern. Die Bundesregierung als FZJ-Hauptgesellschafter hat den Transport auch deshalb für notwendig gehalten, weil in Jülich verbleibende atomare Altlasten dem Ruf des FZJ schaden könnten. Derzeit favorisiert das FZJ den Export dieses Atommülls in die USA, was nach Presseberichten mit Kosten von 450 Mio € verbunden wäre. Arbeiten zur Verbesserung der Sicherheit des Castorenlagers gegen terroristische Attacken, nämlich der Bau einer Betonmauer um das Lager, wurden auf Weisung der Behörden Anfang 2014 begonnen.

Jahresende 2013. Versuche von FZJ, die Sicherheit des Zwischenlagers nachzuweisen, verliefen innerhalb einer gesetzten Frist 2013 ergebnislos. Zur Erfüllung der Mindest-Sicherheitsanforderungen soll das Zwischenlager ab Anfang 2014 mit einer massiven Betonmauer zum Schutz gegen terroristische Flugzeugabstürze versehen werden.

2014. Es wird erst für das Jahr 2022 mit Beendigung der Sanierung des AVR-Geländes gerechnet. Aufgrund der hohen Kontamination des Kühlkreislaufs bereitet der Rückbau erhebliche Probleme. Die Verzögerungen beim Rückbau schlagen derzeit mit etwa 1,3 Millionen Euro pro Monat allein an Personalkosten zu Buche.
Nach aktuellen Planungen der Reaktordruckbehälter im September 2014 versetzt werden. Nach Beseitigung der oberirdischen Bauten müssen vor Abbruch des Reaktorfundaments Spundwände 17 m tief in den Boden gerammt werden und danach das Grundwasser im Reaktorbereich abgepumpt werden, um eine Ausbreitung der radioaktiven Kontamination während der Abbrucharbeiten am Fundament zu verhindern.
Über das eigentliche Verfahren zur Boden-Grundwasserreinigung kann erst entschieden werden, wenn nach Abbruch des Fundaments detailliertere Informationen über die Kontaminationssituation vorliegen. Erst dann kann auch ein entsprechendes Genehmigungsverfahren begonnen werden. Bisherige Messungen an weniger kontaminierten Bereichen zeigten schon, dass die Strontium-Konzentration mit 1200 Bq/kg um bis einen Faktor 2 über der Unbedenklichkeitsschwelle (Freigabewert für Bodenaushub nach Strahlenschutzverordnung, seit Oktober 2011: 0,6 Bq(Sr)/g) liegt.
Problematisch ist auch die sehr starke Strahlung des Reaktorbehälters, die in der Transportphase nach Berechnungen die zulässigen Grenzwerte am Zaun der Anlage praktisch erreichen wird. Vorläufige Messungen am mit Beton verfüllten Behälter ergaben, dass die Strahlung um bis zum Faktor 130 höher sein könnte. Neuere Ergebnisse zeigen, dass die letztgenannte starke Strahlung nicht aus dem Behälter, sondern von Komponenten außerhalb des Behälters emittiert wurde. 
Erst nach einer weiteren Abklingzeit von mindestens 60 Jahren soll der AVR-Behälter schließlich von Robotern zerlegt werden und in ein Endlager überführt werden. Problematisch bzgl. Endlagerung des Reaktorbehälters ist der sehr hohe Gehalt der Graphit- und Kohlesteineinbauten an 14C (Halbwertszeit = 5730 Jahre), da dieser die im Endlager Schacht Konrad zulässige Gesamtaktivität an 14C zu mindestens 75 % ausschöpfen würde. Quelle von 14C ist überwiegend Stickstoff, der als Verunreinigung vor allem im Kohlestein vorlag und auch zur Reaktorabschaltung benutzt wurde: Stickstoff reagiert durch (n,p)-Reaktion (Neutroneneinfang und Protonenabgabe) mit hoher Ausbeute zu 14C. Eine Endlagerung des Behälters in Schacht Konrad kommt damit praktisch nicht in Frage. Das 14C-Problem wurde erst im Jahr 2000 nach Probennahmen offenkundig: Die auf Rechnungen basierenden Jülicher Angaben zum AVR-Inventar hatten die 14C-Menge vorher um den Faktor 25 unterschätzt. Kritiker sehen darin einen Beleg für eine nicht ausreichend intensive und sorgfältige Beschäftigung des FZJ mit Entsorgungsfragen von Kugelhaufenreaktoren. Eine Verbringung des zerlegten AVR-Behälters (500 m³ ohne Verpackung) in das in Deutschland geplante Endlager für wärmeentwickelnden Abfall würde die Endlagerkosten im Vergleich zu Schacht Konrad aber nach vorläufigen Schätzungen mindestens verfünffachen. Diskutiert wird darum auch ein separates, oberflächen- und standortnahes Endlager für den AVR-Reaktorbehälter nach Vorbild geplanter französischer Endlager für 14C-Atommüll. Daneben wird derzeit vom FZJ mit Unterstützung des BMBF im Rahmen des Projekts CarboDISP geprüft, ob der genehmigte Grenzwert für 14C in Schacht Konrad (400 TBq) noch nachträglich angehoben werden kann. Die ab 2015 (2022) anfallenden Kosten wurden noch nicht abgeschätzt.

Anfang 2014. Auf Weisung der Behörden wird mit Arbeiten zur Verbesserung der Sicherheit des Castorenlagers, nämlich dem Bau einer Betonmauer zum Schutz gegen terroristische Flugzeugabstürze um das Lager, begonnen.

April 2014. Vom FZJ wird ein Bericht erstellt, der wesentliche Kritikpunkte bestätigt. Die Expertengruppe stellt unter anderem fest, dass

  • ihr keine Informationen vorliegen, welche die Einschätzungen von Moormann und Benecke zu Wassereinbruchstörfällen im AVR und ihrem hohen Gefahrenpotential widerlegen; das gilt damit auch für die Einschätzung von Moormann, dass die AVR-Auslegungsstörfälle mit Wassereinbruch wegen der überhitzten Kernbereiche nicht beherrscht werden konnten
  • überhitzte Kernbereiche bereits 1977 vermutet wurden, und bemängelt, dass diesem Problem erst zehn Jahre später nachgegangen wurde
  • es noch immer keine befriedigende Erklärung für die überhitzten Bereiche im AVR gibt
  • die überhitzten Bereiche im AVR vermutlich zur hohen Kontamination des Reaktors geführt haben; sie hält den besonders starken Anstieg um 1976 für ungeklärt
  • illegale Manipulationen des Reaktorschutzsystems während des Wassereinbruchstörfalls 1978 stattgefunden haben
  • nicht alle meldepflichtigen Ereignisse von AVR GmbH an die Aufsichtsbehörde gemeldet wurden und Meldungen häufig zu optimistische Einschätzungen enthielten
  • insbesondere die Einstufung des realen Wassereinbruchstörfalls 1978 in die am wenigsten gefährliche Kategorie C unangebracht war; vielmehr sei eine Einstufung in Kategorie B, eventuell sogar die höchste Kategorie A angemessen gewesen
  • die angeblich günstigen Eigenschaften des Kugelbrennelementes zur Spaltproduktrückhaltung, die eine entscheidende Säule des HTR-Konzeptes darstellen, nicht hinreichend nachgewiesen sind, insbesondere betreffend Diffusions-bedingter Durchlässigkeit
  • ein Zusammenhang zwischen AVR-Betrieb und Leukämiefällen um Jülich vermutlich nicht besteht.

Das FZJ bedauert in einer Stellungnahme zum Bericht, dass es in der Vergangenheit gravierende Fehler und Versäumnisse, sowie Unzulänglichkeiten bei der Einhaltung der Regeln einer guten wissenschaftlichen Praxis gab.

1. April 2014. Die US-amerikanische Energiebehörde (Department of Energy, DOE), das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Nordrhein-Westfälische Wissenschaftsministerium unterzeichnen eine Absichtserklärung die eine Verklappung der 152 Castorbehälter in die USA vorsieht. 
Die Lagerung des Brennstoffes würde auch den Zielen des Atom-Sicherheitsgipfels in 2014 beisteuern. Auf Anfrage von US-Umweltschützern und Umweltschützerinnen hatte die DOE mitgeteilt, dass ein Umweltgutachten für die Aufnahme von etwa 900 kg hoch angereichertem Uran in das Atomwaffenzentrum Savannah River Site (SRS) bei Aiken in South Carolina in Auftrag geben wurde. Dort soll der Atommüll laut der Vorvereinbarung angeblich zu seiner Aufarbeitung gelagert werden.

Mai 2014. Es werden erste Ergebnisse einer Umweltverträglichkeitsprüfung für ein eventuell neu zu errichtendes Zwischenlager in Jülich bekannt: Danach sind keine Hindernisse erkennbar. Diese Option wird von der Umweltbewegung favorisiert. 

14. Mai 2014. Das FZJ kündigt an, die Arbeiten zu Kugelhaufenreaktoren (außer zur Entsorgung) baldmöglichst einzustellen und die noch betriebenen Großexperimente stillzulegen.

10. Juni 2014. Der Bericht vom April 2014 wird mit den Autoren öffentlich diskutiert. 

24. Juni 2014. Nahe beim US-Atomwaffenzentrum Savannah River Site (SRS) in South Carolina ab 19 Uhr Ortszeit die vorgeschriebene Anhörung im Rahmen der Umweltprüfung statt. Dabei soll öffentlich über die Pläne diskutiert werden, deutschen Atommüll in der SRS zu verklappen. Auch eine Übertragung über das Internet ist geplant.
Das FZJ betreibt derzeit auch beim "beim Bundesamt für Strahlenschutz ein Antragsverfahren zur Verlängerung" der Genehmigung um drei Jahre.

2. Juli 2014. Die Atomaufsicht erlässt eine Räumungsanordnung für das Zwischenlager und verweigert eine weitere Duldung, weil ein ausreichend sicherer Zustand nicht mehr erreichbar erscheint. Das FZJ muss bis zum 30. September 2014 ein Konzept zur Räumung vorlegen. Hintergrund ist die beim Bau unzureichend berücksichtigte potentielle Bodenverflüssigung am Lagerstandort durch Erdbeben. 
Soweit die vorgenannte USA-Option nicht zum Tragen kommt, ist Folgendes zu berücksichtigen: Die Castor-Behälter sind nur als Transport- und Zwischenlagerbehälter mit einer Nutzungsdauer von etwa 40 Jahren zugelassen, nicht als Endlagerbehälter. Vor Endlagerung müssen die Kugeln in einen endlagergeeigneten Behälter umgeladen werden. Wegen der Brennbarkeit und der Auslaugbarkeit müssen die Kugeln vor der Endlagerung außerdem konditioniert werden, das heißt in eine endlagergeeignete Form gebracht werden. Die früher dazu vorgeschlagene Einbettung in Beton dürfte den gewachsenen Sicherheitsansprüchen nicht mehr genügen. Darum wurde die Einbettung in SiC-Keramik vorgeschlagen. Diese Konditionierung muss auch für die in Ahaus befindlichen 600.000 THTR-Brennelemente durchgeführt werden, sodass Planungen einer gemeinsamen Konditionierungsanlage für den gesamten Brennelementabfall aus Kugelhaufenreaktoren erforderlich sind. Als Konditionierungsanlage für die Kugelbrennelemente ist nach Aussagen des BMU auch die in Gorleben gebaute PKA (Pilotkonditionierungsanlage) denkbar, was bei dortigen Bürgerinitiativen auf Widerstand stößt. Nach Informationen aus dem BMBF verlangen die USA etwa 450 Millionen Euro für die Übernahme der AVR-Castoren. In den USA wächst der Widerstand gegen eine Übernahme des AVR-Atommülls in South Carolina; die US-Aufsichtsbehörden haben angekündigt, nur Atommüll aus nichtkommerziellen Anlagen zu akzeptieren.

18. September 2014. Laut einem Gutachten der Hamburger Kanzlei Günther im Auftag der Umweltschutzorganisation Greenpeace ist der geplante Castortransport in die USA illegal. Das Gutachten bestreitet, dass der AVR ein Forschungsreaktor war, weil er von 1966 bis 1988 insgesamt 1,5 Mrd. KWh Strom produzierte und Betreiber und Eigentümer ein Konsortiom von 15 kommunalen Elektrizitätsunternehmen war.
Auch in den Unterlagen des Bundesamts für Strahlenschutz (Bfs) und der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) wird der Reaktor schon immer als Atomkraftwerk geführt. In der Liste der Forschungsreaktoren ist das AKW dagegen nicht aufzufinden.

22. September 2014. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erwägt eine Klage gegen den Transport der Castorbehälter. Zudem hat ein Gutachten zusätzlich zu einem Verstoß gegen deutsches und europäisches Atomrecht festgestellt dass die Atomkugeln auch Graphit enthalten, es jedoch weltweit kein Verfahren gibt, diesen "hochporösen und stark kontaminierten Stoff abzutrennen" weshalb eine schadlose Entsorgung im Sinne des Atomgesetzes nicht möglich ist.

10. November 2014. Das NRW-Wirtschaftsministerium erteilt als Atomaufsicht die Zustimmung zur Entnahme des Reaktorbehälters.

11. November 2014. Laut AVR haben die Arbeiten zur Verlagerung des Reaktorbehälters begonnen. Er wird aus dem Schutzbehälter aus Beton geschoben und auf ein spezielles Gestell gesetzt. Das Herausheben findet unter einer Schutzhülle, der sogenannten Materialschleuse, statt.
Der Vorgang soll mehrere Tage dauern. Dann soll der Behälter nach weiteren Arbeiten in etwa vier bis fünf Monaten in das neu gebaute Zwischenlager in einer Entfernung von 200 Metern gebracht werden. Dort soll er 30 bis 60 Jahre bleiben und erst dann zerlegt werden, wenn ein Endlager und dessen Annahmebedingungen feststehen.

Atomkraftwerke in Deutschland

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Bilder aus Wikimedia Commons
Atomkraftwerk AVR Jülich, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic, Urheber: Maurice van Bruggen

Quellen