Freitag, 21. November 2014

Genitalverstümmelung - Beschneidung von Mädchen und Frauen


Werkzeug ehemaliger Beschneiderinnen aus Ostafrika
Bei der Beschneidung von Mädchen und jungen Frauen (auch Genitalverstümmelung genannt) werden weibliche Geschlechtsteile, oft ohne Betäubung und unter unhygienischen Bedingungen ganz oder teilweise entfernt. Diese "Operationen" werden sowohl an Säuglingen als auch an jungen Erwachsenen durchgeführt.
Es gibt verschiedene Arten der Beschneidung. Die Vorhaut wird entfernt, der gesamte Schwellkörper herausgeschnitten, die kleinen Schamlippen abgetrennt, die großen Schamlippen verstümmelt und mit Dornen oder Fäden verschlossen. Manchmal werden zusätzlich die Schamlippen zugenäht und nur eine kleine Öffnung gelassen. Als Werkzeuge dienen oft Glasscherben, stumpfe Rasierklingen oder Teile von Blechdosen. Dabei werden oft auch Darm- und Harnröhre verletzt. An den Folgen leiden die Frauen meist ein Leben lang.
Die Prozedur verursacht in den meisten Fällen starke Schmerzen und schwere körperliche und psychische Schäden. Die Eingriffe welche ohne medizinische Gründe durchgeführt werden finden in den meisten Fällen vor Beginn oder während der Pupertät statt. Mit der Beschneidung soll die sexuelle Lust gezügelt und die Chance auf eine Heirat erhöht werden. Sie ist ein Unterdrückungsinstrument.
Praktiziert wird die Beschneidung von Mädchen und Frauen noch in etwa 35 Ländern. Betroffen sind etwa 70 bis 150 Mio. Frauen. Pro Jahr werden weltweit etwa 3 Millionen Mädchen beschnitten. Die WHO schätzt dass davon 60.000 bis 140.000 Betroffene unmittelbar nach der Beschneidung sterben. Mittel- und langfristig liegt die Sterberate bei 25 bis 30%. Viele beschnittene Frauen sterben unter anderem auch durch Komplikationen bei Geburten.
Verbreitet ist dieses blutige Ritual hauptsächlich in afrikanischen Ländern. In Ägypten sind 91% der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Aber auch in Asien, im Mittleren Osten und bei Einwandererfamilien in Europa (500.000) und Nordamerika wird die Genitalverstümmelung praktiziert. Laut Schätzungen der Menschenrechtsorganisation leben in Deutschland etwa 30.000 betroffene Mädchen und Frauen. An 24.000 wurde der Eingriff schon vorgenommen. Rund 6000 Mädchen sind von der Beschneidung bedroht.
Im Juni 2013 wurde in Deutschland die Weibliche Genitalverstümmelung in einem Gesetz als eigener Strafbestand vom Bundestag verabschiedet. Trotzdem werden jedes Jahr viele Mädchen von ihren Müttern in die Heimat gebracht und kommen beschnitten zurück um, um das jedoch ahnden zu können, müsste der Eingriff zusätzlich in den Katalog für Auslandsstraftaten aufgenommen werden.
Aber auch in Deutschland werden Verstümmelungen vorgenommen. Beschneiderinnen sollen für kurze Zeit nach Deutschland kommen um mehrere Kinder auf einmal zu beschneiden. Ärzte rechtferigen sich damit dass sie es hygienisch und schmerzfrei mit Narkose machen würden, was besser wäre als wenn es im Heimatland unter unhygienischen Bedingungen gemacht werden würde.

21. November 2014. In Kapchorwa (Uganda) wurden 4 Frauen und ein Mann wegen Genitalverstümmelung zu jeweils 4 Jahren Haft verurteilt. Es ist die erste derartige Verurteilung seit dem Verbot im Jahr 2010. Trotz des Gesetzes wird Genitalverstümmelung in Uganda vor allem in den Volksgruppen Sabiny und Karamojong immer noch heimlich in den Häusern durchgeführt. Dabei werden dort die äußeren Genitalien wie Schamlippen und Klitoris abgeschnitten.

12. Oktober 2014. Laut Unicef sind 91 Prozent der ägyptischen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Die Anzahl ist jedoch zurückgegangen. Derzeit werden noch etwa 50% der Frauen in Ägypten beschnitten.

24. Juli 2014. Laut Tagesschau haben im Irak haben sunnitischen Extremisten der IS (bisher ISIS) in den von Ihnen kontrollierten Gebieten eine Fatwa zur massenhafen Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen im Alter zwischen 11 und 46 Jahren in den von ihnen kontrollierten Gebieten verhängt. Die UN schätzt dass dies 4 Mio. Mädchen und Frauen sein könnten. Bisher soll das Herumschnippeln an Frauen und Mädchen nur in einigen  isolierten Regionen üblich gewesen sein. Der Spiegel widerspricht dem und meint dass diese Fatwa gefälscht wäre.

19. Juni 2014. Zum ersten Mal soll in Ägypten ein Prozess wegen der Beschneidung von Frauen geführt. werden Am 6. Juni 2013 brachte Mohammed al-Bataa seine 13-jährige Tochter Suhair zum Arzt damit dieser ihre Klitoris verkleinern sollte. Zwei Jahre zuvor hatte der Arzt diese Operation bereits bei Suhairs älterer Schwester Amira vorgenommen. Der Vater sah seine Tochter zum letzten Mal lebend als sie mit 3 anderen Mädchen in den Operationsraum gebracht wurde.
Woran sie gestorben ist weiß man nicht ganz sicher. Wenn Keime in die Wunde kommen kann das zu einem tödlichen septischen Schock führen. Vielleicht ist Suhair auch verblutet. Der forensische Bericht erwähnt eine Allegie auf Penizillin aber mit keinem Wort die Genitalverstümmelung. Laut UNICEF werden zur Tarnung der eigentlichen Todesursache "Genitalverstümmelung" in Ägypten oft andere Gründe angegeben. Daher weiß niemand wie viele Mädchen und Frauen bei diesem Eingriff sterben.
Die Eltern von Suhair zeigten den Arzt sofort wegen einem tödlichen Behandlungsfehler an. Sich selbst waren sie keines Unrechts bewusst. Seitdem der Vater auch angeklagt wurde bestreitet er ganz plötzlich dass bei seiner Tochter die Klitoris entfernt werden sollte. Ihm drohen jetzt eine Geldstrafe von 500 Euro oder zwischen drei Monaten und zwei Jahren Haft.

15. April 2014. Zum ersten Mal wird in Großbritannien ein Prozess wegen der Beschneidung von Frauen geführt. Dhanuson Dhamarsena (Arzt aus London) soll im November an einer frisch entbundenen Mutter im Londoner Whittington-Krankenhaus eine Genitalverstümmelung durchgeführt haben. Nach Angaben der staatlichen Gesundheitsbehörde NHS leben in Großbritannien etwa 66.000 Frauen mit beschnittenen Genitalien. 24.000 Mädchen unter 15 Jahren sind davon bedroht.

07. September 2013. Waris Dirie wird voraussichtlich am 11. September 2013 in Berlin-Zehlendorf im Krankenhaus Waldfriede das "Desert Flower Center" eröffnen. Es wird das europaweit erste medizinische Zentrum für genitalverstümmelte Frauen sein, das eine ganzheitliche Behandlung der Opfer anbietet. Neben chirurgischen und medizinischen Maßnahmen gibt es auch psychologische Betreuung.

05. Juli 2013. Der Bundesrat verabschiedet das Gesetz gegen Genitalverstümmelung (Telepolis).

27. Juni 2013. Der Bundestag hat ein Gesetz gegen Genitalverstümmelung verabschiedet. Es ist in Zukunft ein eigener Strafbestand und wird in Deutschland dann mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft (Tagesschau). Bisher fiel die Weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland unter den Strafbestand der gefährlichen, maximal schweren Körperverletzung.

06. Februar 2013. Genitalverstümmelung - ein Betrug an Müttern und Töchtern (taz). Es werden offenbar langsam etwas weniger Frauen und Mädchen verstümmelt. In den 29 Ländern wo die Beschneidung von Frauen hauptsächlich praktiziert wird sind durchschnittlich noch 36 % der Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren verstümmelt, bei den 45 bis 49-jährigen Frauen sind es noch 53% (Tagessschau).

31. Januar 2013. In Indonesien hat Maruf Amin (Chef des Ulema-Religionsgelehrtenrats (Majelis Ulama Indonesia ((MUI))) alle Ärzte uns Krankenhäuser des Landes dazu aufgefordert, sich elterlichen Wünschen nach einer Beschneidung von Töchtern trotz der UN-Resolution nicht zu verweigern.
Gesetzlich geregelt ist Mädchenbeschneidung in Indonesien erst seit drei Jahren. Dem MUI gelang es damals durch Druck auf die Regierung aus eiener Vorschrift zur Bekämpfung der Genitalverstümmelung eine Erlaubnis für zugelassene Ärtze zu machen. Von den Ärzten darf nun der vordere Teil der Klitorisvorhaut entfernt und der traditionell verbreitete Stich mit einem Stück Bambus durchgeführt werden (Telepolis).

04. Januar 2013. Am 20. Dezember 2012 wurde von der UN-Vollversammlung eine Resolution gegen weibliche Genitalverstümmelung erlassen. In dieser sprechen sich alle 194 Mitgliedsstaaten zur Erlassung entsprechender Gesetze und der Überwachung dass sie Eingehalten werden aus (Telepolis).

29. November 2012. In der Schweiz hat die Genitalverstümmelung von Mädchen laut UNICEF in den letzten Jahren weiter zugenommen. Seit 2001 ist die Zahl um 4000 auf 10.700 angestiegen (20min.ch).

12. Juni 2012. Ein Forscherteam um den französischen Wissenschaftler Pierre Foldès berichtet im britischen Fachmagazin "The Lancet" von einer neuentwickelten Behandlungstechnik mit der die Schmerzen von genital verstümmelten Frauen gelindert und ihnen sexuelles Lustempfinden zurückgegeben werden kann. Weil die Klitoris zum größten Teil innerhalb des weiblichen Körpers liegt wird in der Regel bei der Beschneidung "nur" die äußerste Spitze verstümmelt. Die neue Operationstechnik holt einen Teil der versteckten Klitoris wieder heraus.
Für die Studie wurden 841 Frauen, die sich zwischen 2008 und 2009 in Frankreich einer Klitoris-Operation unterzogen hatten befragt. 35% der Frauen haben danach regelmäßig oder zumindest eingeschränkt Orgasmen, die Hälfte die vorher nur eingeschränkt Höhepunkte hatte, erleben danach regelmäßige. Nur bei wenigen Patientinnen trat eine Verschlechterung ein. Bei den meisten haben auch die Schmerzen nachgelassen.
Das Problem dabei ist dass die Opfer kaum Zugang zu der wiederherstellenden Chirurgie haben. In vielen Ländern gilt das als Schönheitsoperation. Zudem wissen viele Frauen nichts davon  (Welt, Stern).

02. Juni 2012. In Frankreich wurde ein Paar aus Guinea wegen der Beschneidung ihrer 4 Töchter  verurteilt. Der Vater zu 5 Jahren Haft, davon 3 auf Bewährung, die Mutter zu 4 Jahren Haft, davon 2,5 Jahre auf Bewährung (Spiegel).

2012. Die Muslimbrüder kommen an die Macht. Sie und die Salafisten verlangten die Legalisierung der Beschneidung und werben dafür auf den Straßen. Sie wird von ihnen in mobilen Arztpraxen kostenlos angeboten. Das hat die Gegner einige Jahre zurückgeworfen.

10. Februar 2011. Weltweit sind laut einer Schätzung der WHO etwa 100 Mio Frauen und Mädchen beschnitten. Jedes Jahr werden es 3 Millionen mehr. In  Deutschland leben etwa 20.000 genitalverstümmelte Frauen. Etwa 5.000 Frauen und Mädchen sind in Deutschland davon bedroht. Tendenziell soll der Anteil der Frauen die ihre Töchter beschneiden lassen wollen sinken (Spiegel).

12. Februar 2010. Der Bundesrat will härtere Strafen für Genitalverstümmelung einführen (Welt). 

06. Februar 2010. Verstümmelung als Tradition (Stern). Bilderstrecke Waris Dirie - Die Mädchen müssen geschützt werden (Stern). Bilderstrecke "Als Kadi unter das Messer kam" (Stern). 

05. Februar 2010. Morgen ist Aktionstag gegen Genitalverstümmelung (taz). 

2010. In Uganda wird Genitalverstümmelung verboten.

23. Dezember 2009. Aus Protest gegen die Beschneidung seiner zwölfjährigen Tochter nimmt sich ein kenianischer Familienvater vom Stamm der Massai das Leben nachdem er das Kind zu Verwandten geschickt hat damit sie zum Zeitpunkt der Zeremonie nicht zuhause ist (Spiegel). 

21. Dezember 2009. Rüdiger Nehberg will das grausame Ritual gemeinsam mit Islamgelehrten abschaffen und kann wohl bereits erste Erfolge vorweisen (Welt). 

23. September 2009. Genitalverstümmelung in Afrika. Morgen kommt der Film "Wüstenblume" nach dem gleichnamigen Buch des früheren Topmodels Waris Dirie in das Kino. Sie hatte damit ihre eigene Beschneidung öffentlich gemacht. In Deutschland leben laut Schätzungen des  Statistischen Bundesamtes 17.000 beschnittene Frauen und Mädchen. Mehr als 5000 sind davon bedroht (Sueddeutsche, Stern, taz). 

17. September 2009. Weltweit sind 140 Millionen wurden Frauen und Mädchen verstümmelt. Jährlich kommen 3 Millionen dazu (Welt). 

15. Mai 2009. Gesetzentwurf die Verjährungsfrist heraufzusetzen bleibt fruchtlos und wird vor den Wahlen im Herbst mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr durchgeführt werden (Spiegel).

20. Februar 2009. Fadma Korn - Eine Frau die als Kind in Somalia beschnitten wurde (Sueddeutsche).

15. Februar 2009. In Osten von Sierra Leone rund 200 Kilometer von Freetown wurde die Journalistin Manja Balama-Samba bedroht und nackt durch die Stadt Kenemas (Spiegel) gejagt weil sie zuvor in Radiosendungen kritisch über Genitalverstümmelungen berichtet hatte. Die Chefin der Bondo-Geheimgesellschaft von Beschneiderinnen, Haja Massah Kaisamba, bekannte sich offen zu der Verschleppung.
In Deutschland ist die illegale Beschneidung von Mädchen auch ein Thema. Mindestens 20.000 Betroffene sollen hier leben.

6. Februar 2009. Tag gegen Mädchenbeschneidung. Im Senegal haben bisher 1600 von 5000 Dörfern die Mädchenbeschneidung abgeschafft (Stern).

2008. In Ägypten wird die Genitalverstümmelung von Frauen verboten. Eine offizielle Erhebung kommt zu dem Ergebnis, dass fast jede Ägypterin, 91 Prozent, davon betroffen ist. Eine höhere Rate gibt es laut einer Statistik der UNICEF weltweit nur in Somalia (98 Prozent), Guinea (96 Prozent) und Dschibuti (93 Prozent).

2006. Scheich Ali Gomaa (Grossmufti und Professor für Rechtswissenschaft in Ägypten) erklärt dass weibliche Genitalverstümmlung keinesfalls mit den Werten des Islam vereinbar ist und dass die Religion keine Basis für eine Rechtfertigung bietet.

1985. Die Frauen- und Mädchenbeschneidung (Female Genital Mutilation (FGM)) wird in Großbritannien mit hohen Strafen belegt.

1985. Die Frauen- und Mädchenbeschneidung (Female Genital Mutilation (FGM)) wird in Großbritannien verboten.

Weitere Kommentare zum Thema
Beschneidung von Jungen ist laut Landgericht Köln strafbar

Bilder aus Wikimedia Commons
Werkzeug ehemaliger Beschneiderinnen aus Ostafrika, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, Urheber: Michael Rückl, Arzberg - August 2004

Quellen
21.11.2014, taz, Genitalverstümmelung in Uganda, Erstmals Haftstrafen verhängt
12.10.2014, Sueddeutsche, Weibliche Genitalverstümmelung, Ägypterinnen wehren sich erfolgreich gegen Beschneidung
26.08.2014, Spiegel, Genitalverstümmelung bei Frauen, Wider die Scham
24.07.2014, Spiegel, Genitalverstümmelung von Frauen, Uno fällt offenbar auf falsche Fatwa herein
24.07.2014, Tagesschau, Befehl im irakisch-syrischen "Kalifat", IS will Frauen genital verstümmeln
07.06.2014, Spiegel, Erster Prozess wegen Genitalverstümmelung, Suhair starb mit 13 Jahren
01.05.2014, taz, Prozess wegen Genitalverstümmelung, „Wir sind halb Teufel, halb Kind“
25.11.2013, Focus, EU-Bericht enthüllt, Tausende Fälle von Genitalverstümmelung in Deutschland
25.11.2013, Zeit, GENITALVERSTÜMMELUNG, Der Nil heilt die Wunden nicht
09.09.2013, Focus, Berliner Klinik hilft Frauen mit Genitalverstümmelung
07.09.2013, Tagesspiegel, Waris Dirie über weibliche Genitalverstümmelung, "Es ist ein Verbrechen an unschuldigen Mädchen"
07.09.2013, Tagesspiegel, Weibliche Genitalverstümmelung, Schnitte in Körper und Seele
27.06.2013, Welt, Genitalverstümmelung, Wenn eine zugenähte Vulva Normalität bedeutet
06.02.2013, Welt, Genitalverstümmelung, "Die Klinge war stumpf, die Hebamme blind"
Wikipedia, Weibliche Genitalverstümmelung

Sonntag, 16. November 2014

Sexting, Sext, Sex(t), Selfies, Revenge Porn

Kim Kardashian mit Handy
Selfies sind Bilder, die Jugendliche von sich selbst meist mittels Handys machen und per Multimedia Messaging Services (MMS) oder Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Google Plus verbreiten. Das Wort Selfie wird zum englischen Wort des Jahres 2013. Erstmals soll das Wort 2002 in einem australischen Forum aufgetaucht sein. Bei Flickr gab es den ersten #selfie-Hashtag offenbar im Jahr 2004. In den Mainstream Medien kam das Wort erst 2012 an.

Sexting [Sext, Sex(t)] nennt man es wenn vor allem Jugendliche sich selbst oder gegenseitig nackt oder leicht bekleidet mit dem Handy fotografieren und die Bilder an Freunde oder Bekannte per  (MMS) weitergeschickt werden. Das Wort "Sexting'" setzt sich aus "Sex" und "texting" (engl. "Kurzmitteilungen verschicken") zusammen.

Revenge Porn (Racheporno) nennt man es wenn so entstandene Medien online, ohne die Zustimmung der abgebildeten einzelnen, zum Zweck der Demütigung vertrieben werden. Zum Beispiel nachdem eine Beziehung in die Brüche gegangen ist.

Eine Studie der US-amerikanischen "National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy" von 2008 hat ergeben dass 20% zwischen 13 und 19 Jahren und 59% zwischen 20 und 26 Jahren bereits Sextings verschickt haben. Bekommen haben 48 der Jugendlichen und 64% der jungen Erwachsenen bereits derartige MMS. Betreiber von Sextin sehen dies als "High-Tech-Flirt" an. Kritiker weisen dagegen auf die Gefahren der missbräuchlichen Verbreitung dieser Fotos, beispielsweise über soziale Netzwerke im Internet hin.
Das Verbreiten und der Besitz von erotischem Bildmaterial Minderjähriger (Kinderpornographie) ist in den meisten Ländern verboten. Den minderjährigen Teilnehmern droht juristische Verfolgung mit schwerwiegenden Konsequenzen. In den USA mussten sich bereits mehrere Jugendliche vor Gericht verantworten.
In Deutschland kann Sexting bei Minderjährigen einen Verstoß gegen §184b oder §184c StGB begründen. Laut ersterem sind sexuelle Darstellungen von Kindern unter 14 Jahren ausnahmslos verboten. Der zweitere lässt im Fall sexueller Darstellungen Jugendlicher zwischen 14 und 17 Jahren eine Straffreiheit für den Fall  zu, dass das fragliche jugendpornographische Material "mit Einwilligung der dargestellten Personen" hergestellt wurde.

14.11.2014. Ein 21-jähriger Brite soll von seiner Ex-Freundin mit der er drei Jahre liiert war ein intimes Bild von ihr als Revenge Porn in sozialen Medien veröffentlicht haben. Die Polizei hat den Verurteilten offenbar vor Veröffentlichungen mehrfach gewarnt. Weil er dennoch das Foto als Profilbild hochgeladen hat wurde er nun zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt. Das Urteil bezieht sich jedoch noch auf ein Gesetz zum Schutz vor Belästigung aus dem Jahr 1997.
Im Moment berät das britische Parlament über eine Änderung wonach die unbefugte Veröffentlichung solcher Bilder mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden könnte. In Deutschland wurde soeben vom Bundestag ein Gesetzentwurf beschlossen laut dem eine zweijährige Haftstrafe, wenn unbefugt Aufnahmen, die dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich schaden können, hergestellt und veröffentlicht werden.

10.12.2013. US-Präsident Barack Obama macht zusammen mit Helle Thorning-Schmidt (Premierministerin von Dänemark) und David Cameron (Premierminister von Großbritannien) während der Trauerfeier von Nelson Mandela Selfies.

Selfie
08.12.2013. Einer Lehrerin die an der Christlichen Schule "Cincinnati Hills Christian Adademy" arbeitete wurde das iPhone geklaut. Am 23.11.2013 wurden davon Nacktfotos von ihr ins Internet hochgeladen. Daraufhin wurde sie von ihrem Arbeitgeber beurlaubt.

21.10.2013. In der Schweiz startet eine Aktion gegen Sexting. Die Stiftung "Pro Juventude" (Für die Jugend) wart unter dem Slogan "Sexting kann dich berühmt machen. Auch wenn du es gar nicht willst". In der Schweiz gaben laut "Pro Juventude" 6% der Teilnehmer einer Umfrage an erotische Aufnahmen von sich verschickt zu haben. In Großbritannien waren es laut "Daily Mail" von 500 befragten Teenagern ca. 40%.

07.12.2011. Laut einer neuen Studie verschicken etwa 1 % der 10 bis 17jährigen Sextings mit dem Handy oder auch mit dem Computer. Bei den bisherigen Studien sind offenbar auch Bilder mit Personen in Badeanzügen und ähnlichem mitgezählt worden (Focus).

22.05.2010. 19jährige klagt in den USA wegen Verletzung der Privatsphäre. Ihr Handy wurde als sie 17 Jahre alt war vom Schuldirektor konfisziert. Diese hatte darauf Bilder mit "freizügigen Posen" gefunden und daraufhin den Staatsanwalt eingeschaltet. Diese hatte eine Anzeige wegen Kinderpornographie mit dem Maßgabe eingestellt dass sie einen Kurs zum Thema "sexuelle Gewalt" besuchen muss (Telepolis).

16.01.2010. Ein Video klärt auf was es mit Sext auf sich hat (taz).

20.12.2009. Laut einer neuen US-Studie liegt die Zahl der zwischen 12 und 17jährigen die per Handy ein Nacktbild von sich verschickt haben bei 4% (Sueddeutsche).

05.11.2009. Klage gegen Abmahnung wegen "anstößigen Fotos", Sexting, im Internet. Mädchen bestehen auf dem Recht sich selbst zu blamieren (Spiegel).

08.05.2009. In den USA kursierte vor kurzer Zeit auf Mobiltelefonen ein Bild welches die 12jährige Marisa Miller und ihre Freundin zeigt welche nebeneinander auf einem Bett liegen und lachen. Marissa telefoniert. Die Freundin spreizt die Finger zum Peace-Zeichen. Die Oberkörper sind zu sehen. Bekleidet nur mit einem BH. Das Foto wurde von einer Freundin gemacht.
Gegen die Mädchen wird nun wegen Verbreitung von Kinderpornographie ermittelt. Sollten sie angeklagt werden droht ihnen eine Haftstrafe von mehreren Jahren und ein Eintrag in das sogenannte "Sextäter-Register" (Stern).
In der Zwischenzeit laufen in 10 Bundesstaaten der USA wegen ähnlicher Geschichten Ermittlungen.

21. April 2009. Angeklagt wegen Sexting. Jessica beging Selbstmord nach Mobbing in der Schule. (Heute).

16. April 2009. In den USA wird derweil die 15jährige Marissa Miller wegen Verbreitung von Kinderpornographie vor Gericht gestellt weil ihre Bikinifotos auf Handys von Mitschülern gefunden wurde. Ihr und zwei weiteren Mädchen drohen nun Haftstrafen bis zu 7 Jahren (Sueddeutsche).

28. März 2009. In den USA haben 3 Mädchen die sich wegen Sexting verantworten mussten in der Zwischenzeit eine Gegenklage angestrengt weil die derzeitige Anwendung der Pornographiegesetze gegen die Verfassung verstösst (Telepolis).

15. Januar 2009. Während die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Internet filtern lassen will um Kinderpornographie zu bekämpfen (Spiegel), wird in der USA im Moment "Sexting" Mode (Spiegel). Dabei fotografieren sich Teenager nackt und verschicken die Bilder mit dem Handy per SMS. Jetzt stehen in einigen Bundesstaaten Kinder ab 13 Jahren vor Gericht wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie.

Bilder aus Wikimedia Commons
Kim Kardashian mit Handy, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic, Urheber: Hollywood Branded
Selfie, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, Ameily radke

Quellen
16.11.2014, Golem, RACHEPORNO, Brite muss wegen Whatsapp-Posting ins Gefängnis
08.12.2913, Stern, Geklaute iPhone-Bilder, Christliche Schule feuert Lehrerin wegen Nacktbildern
06.12.2013, FAZ, Intimfotos von Schülern auf Handys, „Sexting“ bereitet Kultusministerium Sorgen
19.11.2013, Welt, Oxford Dictionaries, "Selfie" ist das englische Wort des Jahres 2013
02.11.2013, Sueddeutsche, Bilder im digitalen Zeitalter, Abgeschossen
02.11.2013, Focus, Lehrer schlagen Alarm wegen „Sexting“, Neuer Jugendtrend: „Alle Handys sind voll von Nacktfotos“
01.11.2013, Tagesspiegel, Schüler verschicken ihre Nacktbilder Schulleiter warnen vor Sexting
21.10.2013, Focus, Zur Schau gestellte IntimitätSchweiz startet Kampagne gegen sexy Handyfotos
Wikipedia, Revenge Porn (engl.)
Wikipedia, Selfing (engl.)
Wikipedia, Sexting

(Atom)Forschungszentrum Jülich

(Atom)Forschungszentrum Jülich
Die deutsche (Atom)Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ) betreibt, gestützt auf die Schlüsselkompetenzen Physik und Supercomputing, interdisziplinäre Forschung in den Bereichen Gesundheit, Energie und Umwelt sowie Information. Mit rund 5000 Mitarbeitern (2012) gehört es zu den größten Forschungseinrichtungen Europas.

Das Forschungszentrum liegt inmitten des Stetternicher Forstes in Jülich (Kreis Düren, Rheinland) und umfasst eine Fläche von ca. 2,2 Quadratkilometern.

Das jährliche Budget des Forschungszentrums beträgt etwa 530 Millionen Euro. Die öffentlichen Mittel werden zu 90 % vom Bund und zu 10 % vom Land Nordrhein-Westfalen getragen.

Das Forschungszentrum gliedert sich in
  • 9 Institute (mit 56 Institutsbereichen),
  • 4 Zentralabteilungen,
  • 2 Projekte und
  • 2 Projektträgerschaften:
  • Projektträger Jülich
  • Projektträger Energie, Technologie, Nachhaltigkeit (ETN)
Organe des Forschungszentrums sind
  • die Gesellschafterversammlung
  • der Aufsichtsrat
  • der Vorstand, bestehend aus
  • Wolfgang Marquardt (Vorsitzender)
  • Karsten Beneke (Stellvertr. Vorsitzender)
  • Sebastian M. Schmidt (für den Geschäftsbereich Schlüsseltechnologie, Struktur der Materie und Gesundheit)
  • Hans-Harald Bolt (für den Geschäftsbereich Energie und Umwelt)
Gremien des Forschungszentrums sind unter anderem
  • der Wissenschaftliche Beirat (WB)
  • der Wissenschaftlich-Technische Rat (WTR)
Die Forschung in Jülich ist in die Forschungsbereiche Gesundheit, Energie und Umwelt sowie Information aufgeteilt. Als Schlüsselkompetenzen werden Physik und Scientific Computing genannt.

Institute
  • Institute for Advanced Simulation (IAS)
  • Institut für Bio- und Geowissenschaften (IBG)
  • Institute of Complex Systems (ICS)
  • Institut für Energie- und Klimaforschung (IEK)
  • Institut für Kernphysik (IKP)
  • Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM)
  • Jülich Centre for Neutron Science (JCNS)
  • Peter Grünberg Institut (PGI)
  • Zentralinstitut für Engineering, Elektronik und Analytik (ZEA)
Großgeräte zur Forschung

Kühlersynchrotron COSY

COSY (Cooler Synchrotron) ist ein Teilchenbeschleuniger (Synchrotron) und Speicherring (Umfang: 184 m) zur Beschleunigung von Protonen und Deuteronen, der vom Institut für Kernphysik (IKP) im Forschungszentrum betrieben wird.

Tokamak TEXTOR (Kernfusion)

TEXTOR war ein Tokamak-Experiment für technologieorientierte Forschung (Tokamak EXperiment for Technology Oriented Research) auf dem Gebiet der Plasma-Wand-Wechselwirkungen, das vom Institut für Energieforschung, Bereich Plasmaphysik (IEF-4) im Forschungszentrum betrieben wurde. Die Anlage wurde Ende 2013 stillgelegt. Die Erkenntnisse dienten der Vorbereitung des nächsten großen Schrittes, des Versuchsreaktors International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER) im südfranzösischen Cadarache.

Neben dem Forschungszentrum Jülich sind am ITER auch das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching bei München und verschiedene Institute des Karlsruher Atomforschungsinstituts (KIT) beteiligt. Weitere wissenschaftliche Zentren liegen in San Diego (USA) und Naka (Japan).

Das Forschungszentrum Jülich ist auch Kooperationspartner beim Kernfusionsexperiment Wendelstein 7-x.

NACOK Entwicklung und Sicherheitsforschung für Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktoren

Die Auswirkungen eines angenommenen Lecks im Druckbehälter eines zukünftigen Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktors, wie er in Jülich unter Rudolf Schulten entwickelt wurde, werden mit dem Großversuchsstand NACOK (Naturzug im Core mit Korrosion) im IEF-6 in Kooperation mit RWTH Aachen untersucht. Diese Testanlage besitzt einen über 7 Meter hohen Versuchskanal, der bis auf 1200 °C aufgeheizt werden kann, und ein ebenfalls beheizbares Rückführrohr. Die Ergebnisse werden für die Bestätigung thermohydraulischer Rechenprogramme eingesetzt. Experimente wurden für die südafrikanische Reaktorbaufirma PBMR, für die EU im Rahmen des Projektes RAPHAEL sowie 2010-11 gefördert vom Land NRW ausgeführt. Seit 2012 fördert das Bundeswirtschaftsministerium NACOK-Untersuchungen zur Staubbildung in Kugelhaufenreaktoren im Normalbetrieb. Nach längerer öffentlicher Diskussion über den Sinn der HTR-Forschung im FZJ beschloss der Aufsichtsrat im Mai 2014, die HTR-Forschung Ende 2014 zu beenden und NACOK stillzulegen.

4-Tesla-Magnet-Resonanz-Tomograph

Ebenfalls seit 2004 wird vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin ein Magnet-Resonanz-Tomograph (MRT) betrieben, der eine magnetische Flussdichte von 4 Tesla liefert. Damit ist er eines der stärksten Geräte in Deutschland und Europa. Weiterhin existieren ein 1,5-Tesla- und ein 3-Tesla-Tomograph, welche insbesondere für die funktionelle Bildgebung (fMRT) mit neurologischen, neuropsychologischen und psychischen Fragestellungen verwendet werden. Seit 2007 befindet sich ein weiterer 3,0-Tesla-Tomograph mit PET-Einsatz im Aufbau. Nach Bewilligung der finanziellen Mittel ist ein 9,4-Tesla-Scanner mit kombinierter PET in Bau, welcher somit der stärkste MR-Tomograph in Europa sein wird (ein weiterer Tomograph mit dieser magnetischen Flussdichte existiert bereits in den USA).

Atmosphären-Simulationskammer SAPHIR

In der 20 Meter langen SAPHIR-Kammer (Simulation Atmosphärischer PHotochemie In einer großen Reaktionskammer) untersucht der Bereich Troposphäre (IEK-8) des Institut für Energie- und Klimaforschung (IEK) photochemische Reaktionen in der Erdatmosphäre.

Jülich Plant Phenotyping Center

Das Jülich Plant Phenotyping Center (JPPC) ist eine international führende Einrichtung zur Entwicklung und Anwendung von nicht-invasiven Techniken zur Quantifizierung von Struktur und Funktion von Pflanzen. Am JPPC wird sowohl Technologie-Entwicklung betrieben als auch phänotypische Untersuchungen auf mechanistischer Ebene, im Hochdurchsatz und im Feld durchgeführt.

Pflanzenexperimentier-Anlage PhyTec

Seit 2003 steht ein Gewächshaus mit modernster Technik zur Verfügung. Maximale Transparenz der Scheiben von über 95 % im Bereich des pflanzenrelevanten Lichtspektrums wird durch eine spezielle Glasart und Antireflex-Beschichtung erreicht. Zusätzlich dringt auch UV-B durch die Scheiben. Die CO2-Konzentration in zwei Abteilen kann erhöht und verringert werden, die Luftfeuchtigkeit kann variiert werden, die Temperatur kann auch im Sommer bei voller Einstrahlung auf 25 °C gehalten werden. Der Bereich Phytosphäre (ICG-III) des Instituts für Chemie und Dynamik der Geosphäre (ICG) simuliert hier verschiedene Klimaszenarien und untersucht deren Einfluss auf pflanzliche Schlüsselprozesse wie Wachstum, Transport, Austauschprozesse mit Atmosphäre und Boden sowie auf biotische Interaktionen.

MRI-PET-Zentrum für Pflanzen

Am ICG-3:Phytosphäre wurde ab 2006 mit dem Aufbau eines MRI-PET-Zentrums für Pflanzen begonnen. Inzwischen stehen dediziert für die Pflanzenforschung aufgebaute MRI- und PET-Systeme und seit Dezember 2009 auch ein Zyklotron zur Produktion von kurzlebigen Isotopen zur Verfügung.

Strahlrohre an Synchrotrons

Das Peter Grünberg Institut (PGI) unterhält oder unterhielt mehrere Beamlines zur Forschung mit Synchrotronstrahlung an verschiedenen Synchrotrons:

  • BL5 U-250-PGM bei DELTA (Dortmund)
  • UE56/1-SGM bei BESSY (Berlin)
  • MuCAT bei APS (Argonne, USA)
  • JUSIFA bei HASYLAB (Hamburg)

Meteorologie

Zum Forschungszentrum Jülich gehört auch ein 124 Meter hoher Stahlfachwerkmast für meteorologische Messungen. Er ist in 10, 20, 30, 50, 80, 100 und 120 Metern Höhe mit Plattformen ausgestattet, welche Messgeräte tragen. Der 1963/64 errichtete Messmast ist eine dreieckige Stahlfachwerkkonstruktion.

Supercomputer

Die folgenden Supercomputer werden bzw. wurden alle vom Jülich Supercomputing Centre (JSC) im Rahmen des John von Neumann-Instituts für Computing (NIC) in Jülich betrieben. Für die Supercomputer wurde 2003 eine neue 1.000 m² große Maschinenhalle neben dem Jülich Supercomputer Centre errichtet.
John von Neumann war ab 1943 am Manhattan-Projekt in den USA bei der Entwicklung der Atombombe beteiligt.

JUQUEEN

Der aktuell neueste Supercomputer trägt die Bezeichnung JUQUEEN und konnte 2012 in Betrieb genommen werden.

IBM p690-Cluster „Jump“

Der massiv-parallele Supercomputer IBM p690-Cluster Jump ist seit Anfang 2004 in Betrieb. Mit 1312 Prozessoren (41 Knoten mit je 32 Prozessoren) und einem Hauptspeicher von 5 Terabyte (128 Gigabyte pro Knoten) erbringt der Rechner eine Maximalleistung von 5,6 TFLOPS und war damit zum Zeitpunkt seiner Einrichtung auf Platz 30 der leistungsstärksten Rechner der Welt. Die Knoten sind durch einen High-Performance-Switch (HPS) miteinander verbunden. Anwendungen haben über ein globales paralleles Dateisystem Zugriff auf über 60 Terabyte Speicherplatz und einen integrierten Kassettenspeicher mit einer Kapazität von einem Petabyte. Betrieben wird der IBM-p690-Cluster Jump unter dem Betriebssystem AIX 5.1.

Jülicher BlueGene/L-Superrechner (JUBL)

Der 2006 eingeweihte JUBL gilt als Vorgänger des JUGENE und wurde nach dessen erfolgreicher Installation Mitte 2008 außer Betrieb genommen.

Jülicher BlueGene/P-Superrechner (JUGENE)

Am 22. Februar 2008 wurde der auf IBMs BlueGene/P-Architektur basierende massiv-parallele Supercomputer JUGENE eingeweiht. Zeitweilig war er der schnellste Rechner Europas und der schnellste zivile Rechner der Welt. Das Forschungszentrum hat JUGENE im Jahr 2012 abgestellt und zur Verschrottung freigegeben.

Weitere Supercomputer

Am 26. Mai 2009 wurden die beiden Rechner HPC-FF - der von Bull gebaute Rechner für die Fusionsforschung mit 1080 Cluster-Knoten mit je zwei Xeon-Quad-Core-Prozessoren (Xeon X5570, 2,93 GHz) - und der von Sun gelieferte JuRoPA mit 4416 Xeon-X5570-Prozessoren (2208 Prozessornodes) in Betrieb genommen. Beide Rechner lassen sich für spezielle Aufgaben zusammenschalten und erbringen zusammen 274,8  TFLOPS mit Linpack (entspricht Platz 10 weltweit). Als Betriebssystem kommt SUSE Linux Enterprise Server zum Einsatz.

Weitere Forschungsprojekte am Forschungszentrum Jülich

CLaMS: Atmosphärenmodelle für die Klimaforschung

Das Verständnis der chemischen Prozesse in der Atmosphäre bildet die Grundlage für zahlreiche Klimamodelle. Umweltforscher des Forschungszentrum Jülich untersuchen die Chemie der Atmosphäre mit Flugzeugen, Ballons und Satelliten und erstellen daraus chemische Modelle wie z.B. das CLaMS (Chemical Lagrangian Model of the Stratosphere), die in Simulationen auf Supercomputern zum Einsatz kommen. Diese Atmosphärensimulation ist in Fortran 90 geschrieben und modelliert den Ozonabbau in der nördlichen Stratosphäre. Die Ansteuerung erfolgt mit Shellprogrammen und die Visualisierung mit IDL.

MEM-BRAIN: Kohlendioxidabtrennung

Mit seinen Forschungspartnern entwickelt das Forschungszentrum Jülich keramische Membranen. Sie könnten in Kraftwerken als Filter eingesetzt werden, um Prozessgase zu trennen und auch Kohlendioxid effektiv zurückzuhalten.

UNICORE: einfacher Zugriff auf Computerleistung

Rechen- und Speicherressourcen sind oftmals auf mehreren Computersystemen, Rechenzentren oder sogar Ländern verteilt. Industrie und Wissenschaft benötigen also Werkzeuge für den einfachen und sicheren Zugriff auf diese Ressourcen. UNICORE aus Jülich ist ein Grid-basiertes Werkzeugpaket. Die aktuelle Version UNICORE 6 ist Web-Services basiert (WS-RF) und implementiert Grid-Standards des OGF.

AGATE: atomare Transmutation

In Zusammenarbeit mit RWTH Aachen und der Firma Siemens wird an der Entwicklung eines gasgekühlten unterkritischen atomaren Transmutationsreaktors AGATE gearbeitet, mit dessen Hilfe die Lebensdauer radioaktiver Abfälle verkürzt werden soll. Die vorhandene Expertise für gasgekühlte atomare Kugelhaufenreaktoren wird dabei genutzt.

Infrastruktur

Neben den forschenden Instituten und den Großeinrichtungen gibt es zahlreiche Infrastruktureinheiten und Zentralinstitute, die für den Betrieb des Forschungszentrums Jülich benötigt werden. So ist zum Beispiel eine hauptamtliche Werkfeuerwehr rund um die Uhr einsatzbereit, um Menschen, Sachwerte, Tiere und die Natur im und um das Forschungszentrum zu schützen.
Auf dem Gelände des Forschungszentrums betreibt die Landesanstalt für Arbeitsschutz (LAfA) des Landes Nordrhein-Westfalen eine Landessammelstelle für radioaktive Abfälle für die Länder NRW und Niedersachsen. Diese Sammelstelle nimmt neben radioaktivem Abfall aus dem Forschungszentrum auch weitere (schwach)-radioaktive Abfälle aus den genannten Ländern an.

Geschichte


18. Februar 1756. Es kommt zu einem Erdbeben der Stärke 6,2 in Düren. Dabei sterben zwei Menschen. Der Turm der Aachener Augustinerkirche gerät in Schräglage und muss später abgerissen werden. In Aachen brechen mehrere Häuser zusammen, 300 Schornsteine stürzen herab. Eine Kaserne in Jülich wird zerstört, Spalten tun sich in der Stadtmauer von Düren und in den Wänden der Burg Nideggen und des Klosters Wenau auf. Ein Turm der Stadtmauer von Bad Münstereifel stürzt ein.


11. Dezember 1956. Der Landtag von Nordrhein-Westfalen beschließt den Bau einer „Atomforschungsanlage“. Als Gründer gilt Leo Brandt (Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft und Verkehr in Nordrhein-Westfalen) Als Standort wird später der Staatsforst Stetternich gewählt.

11. Juni 1958. Der Grundstein für die Forschungsreaktoren MERLIN (FRJ-1) und DIDO (FRJ-2) wird gelegt.

1959 bis 2007. Etwa 3.800 Auszubildende am (Atom)Forschungszentrum schließen ihre Ausbildung in mehr als 25 Berufen erfolgreich ab.

1960. Die "Gesellschaft zur Förderung der kernphysikalischen Forschung (GFKF)" wird umbenannt in "Kernforschungsanlage Jülich des Landes Nordrhein-Westfalen e. V." (KFA).

23. Februar 1962. Der Forschungsreaktor MERLIN (FRJ-1) wird in Betrieb genommen.

14. November 1962. Der Forschungsreaktor Jülich 2 (FRJ-2) wird in Betrieb genommen. Er ist ein Reaktor der DIDO-Klasse und wird für Neutronenstreuexperimente genutzt. Betrieben wird er von der Zentralabteilung für Forschungsreaktoren (ZFR). Der FRJ-2 ist bis zur Inbetriebnahme der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz in Garching die stärkste deutsche Neutronenquelle und dient hauptsächlich der Durchführung von Streu- und Spektroskopie-Experimenten an kondensierter Materie.

1964. Rudolf Schulten, der "geistige Vater" des Versuchsreaktors AVR wird Institutsleiter des KFA.  Daraufhin beginnt sich das Atomforschungzentrum verstärkt dem Kugelhaufenreaktor zu widmen.

1967. Die "Kernforschungsanlage Jülich des Landes Nordrhein-Westfalen e. V." wird in eine GmbH umgewandelt. Gesellschafter sind die Bundesrepublik Deutschland (2014 90%). und das Land Nordrhein-Westfalen (10%).
Im selben Jahr nimmt der Hochtemperaturreaktor AVR den Betrieb auf und liefert auch Strom ins öffentliche Netz. Der AVR wird von der KFA Jülich wissenschaftlich betreut und mit Betriebskostenzuschüssen unterstützt, ist aber formal unabhängig.

1969. Professor Alfred R. Boettcher koordiniert ab jetzt die Ausbildung brasilianischer Atomtechniker in Jülich und Karsruhe.

1970. Das Atomforschungszentrum ist Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen (AGF, 1970), die sich 1995 in die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren umwandelt.

1978. Im Atomversuchsreaktor Jülich ereignet sich ein Störfall der verschwiegen wird und erst 20 Jahre später ans Licht kommt. Der Betreiber "Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor" will den 2.100 Tonnen schweren Kern auf einem Lufkissenschlitten um 200 Meter versetzen und den Boden dekontaminieren.

Mitte 1980er Jahre. Die damalige Atomforschungsanlage reduziert ihre Arbeiten zur Weiterentwicklung des gasgekühlten Hochtemperaturreaktors. Für einige Jahre werden Entwicklungsarbeiten zur geplanten, aber nicht bewilligten Spallationsneutronenquelle SNQ zum Leitprojekt. Gleichzeitig werden neue Themen aufgegriffen und andere wichtige Themen erweitert.

22. März 1985. Forschungsreaktor MERLIN wird abgeschaltet.

31. Dezember 1988. Der Atomversuchsreaktor (AVR) in Jülich wird stillgelegt. Man rechnet mit einer Abklingzeit von mehr als 60 Jahren für den Reaktorkern der mit radioaktiven Isotopen wie Cäsium 137 und Strontium 90 verstrahlt ist. Dafür gibt es zurzeit immer noch keine Zerkleinerungstechnik. Die Einlagerung in das Endlager Konrad soll in überschaubarer Zeit nicht in Frage kommen.
Der Abriss des Hochtemperaturreaktors (HTR) im Forschungszentrum Jülich wird den Steuerzahler nach aktuellen Kalkulationen etwa 600 Mio. Euro kosten. Ursprünglich 300 Mio. Euro berechnet worden.

1990. Die Gesellschaft nennt sich um in „Forschungszentrum Jülich GmbH“ (FZJ).

31. Dezember 1994. Im Brennelementezwischenlager des abgeschalteten Atomkraftwerks Würgassen sind 632 Brennelement-Positionen belegt, davon 117 (20 tSM) mit abgebrannten, 340 (59 tSM) mit teilabgebrannten Brennelementen, 175 mit sonstigen, zum Beispiel frischen Brennelementen.
Zudem lagern in dem AKW ca. 1 600 m³ endlagerfähige radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung und ca. 270 m³ nichtwärmeentwickelnde Rohabfälle bzw. Reststoffe. Es befindet sich ca. 185 m³ wärmeentwickelnder Core-Schrott im Brennelement-Lagerbecken, der dort abklingt und noch weiter verarbeitet wird. Die radioaktiven Reststoffe werden zur Dekontamination in die Forschungszentren Karlsruhe oder Jülich, zum Hochdruckverpressen und zum Betonieren zur Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), zum Einschmelzen zur Siempelkamp Nukleartechnik GmbH und zum Verbrennen nach Studsvik (Södermanlands län, Schweden) gebracht.

2000 bis 2008. Forschungsreaktor MERLIN wird vollständig zurückgebaut.

2003. Ein zweiter Versuch, Standort einer großen Spallationsneutronenquelle (European Spallation Source ESS) zu werden, endet ohne Erfolg.

2006. Das Jülich Centre for Neutron Science (JCNS) wird gegründet. Damit bleibt das Forschungszentrum Jülich ein nationales Kompetenzzentrum für Neutronenstreuung. Sechs der wichtigsten Instrumente werden vom FRJ-2 an den FRM II verlegt; weitere Instrumente dort neu aufgebaut. Daneben betreibt das JCNS Außenstellen am Institut Laue-Langevin (ILL) in Grenoble und an der Spallation Neutron Source (SNS) in Oak Ridge.

2. Mai 2006. Forschungsreaktor 2 wird abgeschaltet.

2007. Durch die Gründung des JARA-Verbunds (Jülich Aachen Research Alliance) wird die Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen verstärkt.

2007. Im Forschungszentrum werden etwa 350 Menschen in 20 Berufen ausgebildet. Die Ausbildungsquote beträgt rund 9 % und liegt mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt (bei Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern). In Kooperation mit der RWTH Aachen und der Fachhochschule Aachen existieren ebenfalls kombinierte Ausbildungs- und Studiengänge. Den Absolventen wird nach bestandener Prüfung ein halbes Jahr Beschäftigung im erlernten Beruf angeboten.
Am Forschungszentrum selbst werden in der Regel keine Vorlesungen abgehalten, aber nach dem sogenannten „Jülicher Modell“ werden die Institutsdirektoren in einem gemeinsamen Berufungsverfahren mit dem Land Nordrhein-Westfalen auf eine Professur an eine der benachbarten Universitäten (in der Regel Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf, aber auch weiter entfernte wie Bochum, Duisburg-Essen oder Münster) berufen. Dort kommen sie ihrem Lehrauftrag nach. Auch viele weitere habilitierte Wissenschaftler am Forschungszentrum übernehmen Lehraufträge an den benachbarten Universitäten. In Zusammenarbeit mit den Universitäten wurden sog. „Research schools“ (z. B. „German Research School for Simulation Sciences“ mit der RWTH Aachen oder „International Helmholtz Research School of Biophysics and Soft Matter“ mit den Universitäten Köln und Düsseldorf) gegründet, um die wissenschaftliche Ausbildung von Studenten zu fördern.
Eine Ausnahme stellt die Ausbildung zum Mathematisch-technischen Softwareentwickler dar. Dabei werden in Kooperation mit der Fachhochschule Aachen (Standort Jülich) die Vorlesungen, die für den Bachelor „Scientific Programming“ benötigt werden, zum größten Teil im „Jülich Supercomputing Centre“ (JSC) – ehemals „Zentralinstitut für Angewandte Mathematik“ (ZAM) – von den Professoren der FH und Ausbildern des Supercomputing Centre gehalten. Auch für den konsekutiven Master-Studiengang „Technomathematik“ wird ein Teil der Vorlesungen von Mitarbeitern des Supercomputing Centre gehalten.
Im Forschungszentrum Jülich findet jährlich die zweiwöchige „IFF-Ferienschule“ statt, die aktuelle Fragestellungen der Festkörperphysik behandelt. Sie ist nach dem früheren Institut für Festkörperforschung (IFF) benannt.

9. Oktober 2007. Von der Nobelstiftung wird bekannt gegeben, dass Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich zusammen mit dem Franzosen Albert Fert von der Université Paris-Sud für die – voneinander unabhängige – Entdeckung des GMR-Effekts mit dem Nobelpreis für Physik am 10. Dezember 2007 in Stockholm ausgezeichnet wird. Dies ist der erste Nobelpreis für einen Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich und der Helmholtz-Gemeinschaft.

2008. Eine 51-seitige Expertenstudie von Rainer Moormann (FZJ-Sicherheitsforscher ) beschreibt die Risiken des deutschen Kugelhaufen-Reaktors und kommt zu dem Ergebnis, dass die Betreiber des AVR-Kugelhaufenreaktors nur knapp an einer Katastrophe „vorbeigeschlittert“ sind. In Deutschland ist diese Technik nach den Debakeln in Jülich 1967 bis 1988 und Hamm tot. Der Bericht von Moormann bricht ihm wohl auch weltweit endgültig das Genick.

11. Januar 2009. Im Rahmen der europäischen Forschung innerhalb des International Thermonuclear Experimental Reactor Projekts (ITER) soll der Supercomputer High Performance Computing – for Fusion (HPC-FF) zum Einsatz kommen und helfen, die komplexen Mechanismen im hundert Millionen Grad heißem Plasma zu simulieren und nachzuvollziehen.
Standort des neuen Rechners wird das Forschungszentrum Jülich das den Auftrag dazu von der Gemeinschaft der Europäischen Fusionsforschungsinstitute (European Fusion Development Agreement (EFDA) erhalten hat.
Der Computer soll mit 1080 Rechenknoten  im Endausbau bis zu 100 TFlop/s leisten. Jeder Node verfügt über zwei Xeon-Prozessoren (Nehalem-EP, Quadcore) von Intel. Insgesamt 8640 wassergekühlte Prozessoren  mit einer Taktfrequenz von 2,93 GHz sollen auf 3 Gigabyte Speicher pro Knoten zugreifen. Die Verbindung des Cluster soll Melanox mit seiner Infiniband-Architektur ConnectX mit Quad Data Rate (QDR) bereit stellen. Die Server vom Typ NovaScale R422 E2 kommen vom französischen Hersteller Bull. Das Betriebssystem SUSE Linux Enterprise Server stellt der Münchner Hersteller ParTec zur Verfügung.
Finanziert wird der Rechner von der Europäischen Kommission, der EURATOM, den Mitgliedsinstituten von EFDA sowie dem Forschungszentrum Jülich finanziert.

03. Dezember 2009. Niemand will für die Entsorgungskosten für Atommüll in Höhe von 12 Milliarden Euro aufkommen. Wenn man die Subventionen bis in die 50er Jahre zurückrechnet summieren sich die direkten und indirekten Zuwendungen an die Atomindustrie auf 160 Milliarden Euro. Bis jetzt ist das atomare Zwischenlager in Ahaus "nur" zu 10% gefüllt. Anfang 2010 sollen 300 Behälter aus La Hague, Duisburg, Jülich und evtl. Karlsruhe dort eingelagert werden.

2011. Professor Allelein (Leiter der Reaktortechnik an der RWTH Aachen und am Forschungszentrum Jülich) erklärt in diesem Jahr mehrfach dass die Reaktoren in Tihange sicher wären. Eine grenzüberschreitende Bürgerinitiative engagiert sich dagegen mit wissenschaftlicher Unterstützung gegen das ihrer Einschätzung nach unsichere Atomkraftwerk.

2011. Das Jülich Centre for Neutron Science (JCNS) bekommt den Status eines Instituts.

11. März 2011. Beginn der Katastrophe von Fukushima.

15. März 2011. Für Rückkehrer aus Japan gibt es beim Düsseldorfer Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (LIGA) die Möglichkeit eine kostenlose Untersuchung auf radioaktive Strahlenbelastung in Anspruch zu nehmen. Weitere Möglichkeiten gibt es in den Unikliniken von Köln und Essen und im Forschungszentrum Jülich.

02. April 2011. Aus dem Atomforschungszentrum Jülich bei Aachen sind offensichtlich 2285 Brennelementkugeln verschwunden. Laut Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) könnten sie vielleicht eventuell möglicherweise in der ASSE verschwunden sein. So ganz feststellbar ist das offenbar nicht weil man nicht so genau weiß was in der ASSE alles verklappt wurde. Auch hier wurde offensichtlich wieder gegen die Vorgabe dass ausschließlich schwach und mittelradioaktive Abfälle gelagert hätten werden dürfen - dazu gehören definitiv keine Brennelemente - verstoßen. Laut einer Berechnung von Hans Christian Markert (Atom-Experte / Die Grünen) enthalten diese Kugeln etwa 2,2 Kilogramm Uran 235 und ca. 23 Kilogramm Thorium 232, sollten es benutzte Brennelemente gewesen sein kommen noch weitere hochradioaktive Isotope wie Plutonium und Strontium hinzu.
Der Untersuchungsausschuss zur sogenannten Atomkugelaffäre endet wegen der vorgezogenen NRW-Landtagswahlen 2012 ohne Abschlussbericht. Weil die wesentlichen Aspekte, vor Allem eine nonchalante Kugelbuchführung des FZJ, aufgeklärt werden können, wird der Untersuchungsausschuss nach der Wahl nicht wieder eingesetzt.

13. Oktober 2011. Die "Fehlkonstruktion" Growian wurde vom Bundesministerium für Technik und Forschung (Ex-Atomministerium) beauftragt und vom Atomforschungszentrum Jülich projektiert. Beteiligt an dem Desaster waren auch Großkonzerne wie RWE.

30. November 2011. Der Aufsichtsrat des Forschungszentrums Jülich entscheidet sich dazu, Atommüll aus dem ehemaligen Forschungsreaktor Jülich (Thorium- / Kugelhaufenreaktor) bei Aachen ungefähr 200 Kilometer weit ins Zwischenlager Ahaus zu verschieben.

08. Mai 2012. Ein Zug mit 450 Tonnen abgereichertem Uranhexafluorid ist von der Urananreicherungsanlage Gronau zur Atomfabrik in Pierrelatte unterwegs. Er wurde gestern 8 Stunden lang bei Münster blockiert. Am Urenco-Standort in Jülich betreibt Urenco zusammen mit Areva ein Joint Venture zur Entwicklung von Gaszentrifugen.

9. Juli 2012. Atomkraftgegner und Politik sprechen sich für Atommülltourismus - die Verklappung von mehr als 150 Castorbehältern mit hochradioaktivem Atommüll aus Jülich - in die USA aus.

Ende 2012. Das Forschungszentrum beschäftigt über 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und arbeitet im Rahmen der Disziplinen Physik, Chemie, Biologie, Medizin und Ingenieurwissenschaften an Grundlagen und Anwendungen in den Bereichen Gesundheit, Information, Umwelt und Energie. Von den Mitarbeitern sind etwa 1.700 Wissenschaftler, einschließlich etwa 600 Doktoranden und Diplomanden. 691 Menschen arbeiten im Bereich Administration und Service, 768 Personen für Projektträger und über 1.600 als technisches Personal - in 20 Berufen gab es etwa 300 Auszubildende. Des Weiteren arbeiten in diesem Jahr 860 Gastwissenschaftler aus 40 Ländern im Forschungszentrum Jülich.

Mitte 2013. Die Genehmigung des derzeitigen Jülicher Castor-Zwischenlagers läuft aus, weil die erforderlichen Sicherheitsnachweise nicht beigebracht werden konnten. Die Lagerung wird seitdem durch eine atomrechtliche Anordnung der Düsseldorfer Aufsichtsbehörde befristet geduldet.

Bilder aus Wikimedia Commons
(Atom)Forschungszentrum Jülich, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, Urheber: odoklecksel